ZEIT: Im Jahre 1969 gab es in unserem Lande eine weitverbreitete Sehnsucht nach Wandel, den Wunsch nach einem Machtwechsel. Im Jahre 1972 hatten wir eine alles überragende Streitfrage, die Ostpolitik. Diesmal gibt es weder ein weitverbreitetes Gefühl, es sei Zeit für einen Wandel, noch ein überragendes Wahlkampfthema. Worauf gründen Sie dennoch Ihre Zuversicht, daß die CDU nach dem 3. Oktober an die Regierung kommt?

Biedenkopf: Ich glaube schon, daß nach sieben Jahren SPD/FDP-Regierung viele Menschen meinen, daß eine politische Veränderung für unser Land nützlich wäre. Hinzu kommt, daß die Zahl derer, die einen Wechsel der Regierung in regelmäßigen Abständen für richtig halten, heute größer ist als früher.

Weiterhin gilt: Eine Wahl wird nicht nur von der Opposition gewonnen, sie wird auch von der Regierung verloren. Eine Regierung verliert die Wahl, wenn sie Erwartungen der Wähler enttäuscht. Die Enttäuschung über nicht eingelöste Erwartungen bei dem gleichzeitigen Bewußtsein, daß sich in der CDU/CSU eine respektable Alternative zur SPD/FDP anbietet, ist sicher ein wichtiger Grund für die starke Zustimmung zu den Unionsparteien.

ZEIT: Was ist denn nach Ihrer Ansicht das wichtigste Wahlkampfthema?

Biedenkopf: Es ist schwer, das wichtigste Wahlkampfthema auszumachen. Wichtig in diesem Wahlkampf ist die Tatsache, daß viele Menschen über ihre Zukunft verunsichert sind – nicht in dem Sinne, daß sie sich konkret vor irgend etwas fürchten, sondern daß sie sich grundsätzlich darüber sorgen, wie es weitergehen soll angesichts wachsender Ansprüche der Entwicklungsländer, angesichts des wachsenden Militärpotentials des Ostblocks, angesichts immer neuer Anzeichen dafür, daß der Osten seine politisch aggressive Haltung nicht aufgibt.

Diese Unsicherheit verbindet sich mit dem Wunsch nach einer stärkeren Identifizierung mit dem eigenen Land, dem Wunsch nach Überwindung dessen, was ich immer wieder als eine "Wirtschaftsgesellschaft auf der Suche nach dem Staat" bezeichnet habe. Das spürt man sehr deutlich, wenn man in einer Wahlversammlung über die Notwendigkeit einer neuen Solidarität spricht, die erforderlich ist, um die Probleme von Gegenwart und Zukunft zu lösen.

Drittens teilen viele Menschen unsere Auffassung, daß diese Bundestagswahl eine grundlegende Entscheidung über verschiedene politische Richtungen ist. Wenn man Sorge vor der Zukunft hat, wenn man sich vor Entscheidungen wie die über eine neue Solidarität oder einen neuen Patriotismus gestellt sieht, dann erhalten Richtungsentscheidungen eine überragende Bedeutung.