Von François Bondy

Über achtzig Seiten von zwei Juli-Heften des Wochenmagazins "The New Yorker" (für humoristische Cartoons bekannt, hat dieses weltstädtische Magazin immerhin unter anderem auch John Herseys "Hiroshima" und .Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem" veröffentlicht) reichen die "Reflexionen" Saul Bellows während und nach einer Israel-Reise. Diese reflections sind zwar sehr oft Überlegungen (Bellow diskutiert die Ideen von Denkern und Schriftstellern ständig und so leidenschaftlich wie sein Romanheld Herzog), sie sind aber auch im buchstäblichen Sinn Spiegelungen. Wir befinden uns mit Bellow in einer Landschaft mit dem Gelb und Grau der Steine am späten Nachmittag und nicht nur in einem politisch-ideologischen Diskurs. Der fehlt freilich nicht. Extrem voneinander abweichende Thesen werden sehr präzis wiedergegeben – ob die von Professor Zwi Lamm, der jeglichen israelischen Nationalismus und "Machtrausch" auf das schärfste verurteilt, oder die von Minister Peres, von dem der gleiche "Glanz der Macht" ausgehe wie von den beiden ermordeten Kennedys.

Daß Saul Bellow als Beteiligter über Israel schreibt, wo er sich schon oft aufhielt und enge Freunde hat, und zugleich als einer, der nicht mehr ganz der gleichen Welt angehört, wird schon am Anfang klar. Er plaudert jiddisch mit einem Chassid im Flugzeug; der bittet Bellow, den Platz zu wechseln, damit er selber nicht neben einer Frau zu sitzen komme, und erschrocken darüber, daß ein Jude nicht-koschere Nahrung zu sich nimmt, fleht er den ihm unbekannten Nachbarn an, das nie wieder zu tun, verheißt ihm sogar gegen ein solches Versprechen fünfundzwanzig Dollar die Woche bis zum Lebensende: Dieser Chassid könnte nach dem Alter Bellows Sohn sein, und doch begegnet ihm hier die "Welt der Väter" (so lautet der Titel von Irving Howes jüngstem, überaus erfolgreichem Buch über die Einwanderergeneration aus dem Osten).

Da ist der orthodoxe Professor in Jerusalem, gebürtiger Engländer, der für die Besiedlung aller eroberten oder befreiten Gebiete eintritt – auch wenn es politisch unvernünftig sei; mit Gottes Auftrag könne man nicht finassieren. Da ist der Diplomat D. im israelischen Außenministerium, der sich außer in Israel in Oxford am wohlsten fühlt, einen Anzug und eine Krawatte trägt; da ist der arabische Chefredakteur von "El Kudz" in Jerusalem; da lesen wir eine lange Diskussion über Jean-Paul Sartres Ideen zum Nahen Osten. Kein zweiter amerikanischer Romancier – auch kein jüdischamerikanischer – ist in diesem Europäern vertrauten Sinn so sehr "Intellektueller" wie Saul Bellow.

Die Personalunion Romancier und Reporter ist in den USA nicht neu – es genügt, an Hemingway zu denken oder an Mary McCarthy, an Truman Capote oder an Norman Mailer. Bellows Eigenart ist aber diese: Er ist begierig auf Tatsachen und zweifelt an Tatsachen; er lebt in einer Welt von Ideen und nimmt ironisch-kritisch zu ihnen Distanz. Bewundert ein Israeli Amerikas "ungeheuren informationssammelnden Apparat", gibt ihm Bellow zu bedenken: Man könne vorzüglich informiert sein und zugleich keine Ahnung haben, was auf der Welt eigentlich passiert. Diesem literarischen Chronisten sind beide gleich verdächtig: wer auf historisch-politische Gegebenheiten nicht neugierig ist und wer glaubt, diese Gegebenheiten zu besitzen.

Ein Amerikaner in Israel wird nie die USA vergessen. Bellow stimmt mit Gore Vidal überein: "Wir sind die Nation des Pleonasmus, des Bombasts", der Klischees und Lügen, und fügt doch korrigierend hinzu: "Und der ständigen Selbstkritik". Doch wird auch diese Korrektur gleich in einen Zusammenhang gestellt, der sie aus jeder Selbstzufriedenheit löst: Auch die Söhne osteuropäischer Einwanderer bekennen ihre Schuld an der Sklaverei. Ob das nicht eine Art imaginären sozialen Aufstiegs, ein unbewußter Snobismus sei?

Der letzte Zeitschriftenaufsatz, den ich vor dieser Chronik in Buchlänge von Saul Bellow las, erschien in "Critical Inquiry" im Herbst 1975 (University of Chicago Press) und trug als Titel ein Zitat des Dichters Wordsworth von 1807: "Die Welt ist zu sehr mit uns." Heute – so Bellow – seien wir noch viel mehr als damals dem "öffentlichen Lärm" ausgesetzt; die Schriftsteller selber zweifelten an der einst selbstverständlichen Bedeutung der Literatur, möchten sie durch heftige Engagiertheit retten, aber vergebens. Bellow bekennt, er wolle trotz der bedrängenden Tatsachen versuchen, "dem Wesen der Dings zu lauschen", Distanz halten. Stehen seine reflections dazu im Widerspruch? Sie sind Wahrnehmung und Überlegung. Literarische Reportage kann ebenso von Übel sein wie poetische Prosa. Das ist hier nie der Fall. Max Frischs Lunch mit Kissinger ist ein unvergeßlicher Abschnitt des "Tagebuchs". Saul Bellows Lunch mit Kissinger gegen Ende der reflections ist in seiner Mischung von skrupulösem Zögern und unüberwindlicher Antipathie gegenüber einem Politiker, "der mir Dinge sagt, von denen er meint, daß ich sie hören möchte", große Porträtkunst.