Palmes lodernder Glaube, verschwistert mit scharfem Intellekt, ist auch zwischen Lund und Lappland nicht mehr jedermanns Sache

Von Rolf Zundel

Stockholm, im September

Wer auszieht, in Schweden das häßliche Antlitz des Sozialismus zu suchen, findet in diesem Wahlkampf manche seiner Befürchtungen bestätigt – oder viele seiner Hoffnungen erfüllt. Jedenfalls reden diesmal alle Oppositionsparteien vom Sozialismus. Wenn sie sich auch nicht zur fatalen Alternative "Freiheit oder Sozialismus" versteigen – freundlich ist das Gemälde von den sozialistischen Errungenschaften ihres Landes gewiß nicht, und die Aussicht auf künftige Entwicklungen färbt das Bild noch düsterer. Und diesmal scheinen ihre Argumente besser zu treffen als früher; sie gehen nicht mehr ins Leere, sie finden Resonanz.

Wenn etwa die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren ("früher Sozialdemokratin, jetzt nur noch Demokratin") plötzlich ihre freundliche Souveränität – vergißt und wütend auf ihre alten Parteifreunde eindrischt, so erscheint das zwar manchen Kommentatoren übertrieben. Und nicht einmal der Führer der Konservativen würde ein so hartes Urteil wagen wie sie: "Kein europäisches Land außer den Diktaturen hat eine solche Einparteienherrschaft." Nicht bestreiten aber läßt sich, daß ihre Attacken all jene Sorgen und Ängste widerspiegeln, die viele ihrer Landsleute plagen. Und dies kann kein Zufall sein.

Übermut der Ämter, Diktatur der Bürokratie – in irgendeiner Form hat das jeder Schwede erlebt. Den Druck der Steuer – wer hätte darüber nicht geseufzt, welcher Schwede hätte nicht gefragt: Lohnt sich die zusätzliche Arbeit denn, wird nicht fast alles, was ich dazuverdiene, von der Steuer aufgefressen? Sozialisierung nicht nur von Großbetrieben, sondern womöglich auch noch des kleinen Grundstücks auf der Schäreninsel – manche trauen auch dies der Regierung zu. All diese Sorgen kulminieren in der Anklage Astrid Lindgrens: Die schwedische Sozialdemokratie und ihre Regierung "bestimmen, wo und wie wir wohnen, was wir essen sollen, wie unsere Kinder erzogen werden, was wir denken und wie wir urteilen sollen, einfach alles". Es ist die typische Klage über den Wohlfahrtsstaat, der zum Wohlverhaltensstaat degeneriert.

Nach Übereinkunft der nichtsozialistischen Parteien wird dieses Gebilde mit dem Namen "Sozialismus" belegt. Die Frage, wie weit dieses Phänomen Folge einer stark arbeitsteiligen Industriegesellschaft und Begleiterscheinung eines modernen Sozialstaates ist, wird in Schweden nicht sehr präzise diskutiert. Immerhin gibt es manchen Anlaß zu der Frage, ob die Sozialdemokraten diese Entwicklung nicht ziemlich fahrlässig, ja, mit bestem Gewissen gefördert haben. Und schließlich: Nach 44 Jahren ununterbrochener Regierung der Sozialdemokraten muß die Forderung der Opposition, es sei Zeit für einen Wechsel, jedem Demokraten einleuchten.