Vor dem Grand-Prix-Rennen am Sonntag in Monza: Die Fahrer fordern vor allem Sicherheit

Von Rolf Kunkel

Halten wir uns noch einmal die Situation am Nachmittag des 1. August um 16 Uhr vor Augen: Niki Lauda ist für 40 Sekunden in ein Flammenmeer gehüllt. 40 Sekunden, man weiß es von einfallslosen Reklamespots im Fernsehen, sind eine lange Zeit. Sein Körper wird von einem Asbestanzug geschützt,’ nicht jedoch Kopf und Hände. Das Feuer verzehrt den Sauerstoff, er atmet nur Flammen, Rauch und dampfendes Benzin ein. Das Resultat sind Verbrennungen dritten Grades und eine versengte Lunge. Am Mittwoch darauf erhält er die Letzte Ölung, Ende der Woche ist er wieder bei Bewußtsein und fragt nach dem Sieger des Rennens.

Wieder eine Woche später veranstaltet er per Telephon die erste Pressekonferenz und setzt ein Comeback-Datum: am 3. Oktober beim Großen Preis von Kanada. Längst hat er, mit verändertem Gesicht, das geschickte Chirurgenhände aus der Haut seiner Oberschenkel gestalteten, ein neues Leben begonnen. Sein Terminkalender, gefüllt mit täglichem, mehrstündigem Konditionstraining, zeigt, daß es sehr stark dem alten ähnelt. Es leuchtet ein, daß Lauda sich selbst etwas zu beweisen hat. Funktioniert sein Körper noch, kann er die psychologische Barriere, die Vorsicht oder Furcht heißt, überwinden? Die Antwort wird er in Kanada erhalten. Aber was kommt danach, nachdem er vermutlich unter Beweis stellen wird, daß ein eben noch Halbtoter zwei Monate später wieder die Zerreißprobe eines Grand Prix bestehen kann? Wird er seine Rennfahrerlaufbahn fortsetzen, als sei nichts geschehen? Es ist müßig, darüber zu spekulieren.

Gruselerwartung der Zuschauer

Das Geschäft, das die Fahrer betreiben, vollzieht sich so weit abseits der Normen, daß ihm mit der Ratio allein nicht beizukommen ist. Sie bewegen im Zwei-Wochen-Rhythmus ein 575 Kilo leichtes Gefährt mit Tempo 250 oder 350 auf verschiedenen Kontinenten und Strecken und wissen genau: Passiert bei dieser Geschwindigkeit etwas, irgend etwas, hat es den gleichen Effekt, als wenn eine Mücke auf der Autobahn gegen eine Windschutzscheibe prallt. Mit einem Unterschied: Die Mücke hat keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

Für die Beteiligten ist das Recht auf Vollgas eine Selbstverständlichkeit, ein Stück Lebensqualität sozusagen. Funktionäre und Fahrer sprechen obendrein gern von Persönlichkeitsentfaltung. Freilich haben sich die Bedingungen geändert, unter denen sie ihre Qualitäten entfalten. Die Formel 1 praktiziert nicht mehr das heroische Siegoder-Stirb-Ritual vergangener Jahrzehnte, in der Sturzhelme mit Verachtung gestraft wurden und alles, was nach zuviel Sicherheit aussah, wegen Unmännlichkeit verpönt war. Erst als die Wagen immer schneller wurden, nicht nur auf den Geraden, durch Verbesserung der Reifen und der Radaufhängung auch in den Kurven, wich die Romantik der Caracciola-Zeit einer sachlicheren Atmosphäre.