Wie ein deutscher "Multi" seine weltweite Firmenstrategie vorbereitet

Von Robert Heller und Norris Willst

Die sozialen Gepflogenheiten der Industriesind in den einzelnen Nationen so verschieden wie die Beugungsregeln, die Grammatiken und die kunstvollen Konstruktionen ihrer Sprache. Die Unterschiede gelten für das Nichtstun genauso wie für die Arbeit. So stößt der europäische Brauch – dem der Maschinenwärter genauso huldigt wie der Vorstandsvorsitzende –, zu einer bestimmten Zeit am Nachmittag das Werkzeug aus der Hand zu legen, um beinahe rituell eine Tasse Flüssigkeit (meistens Tee) zu sich zu nehmen, in den Vereinigten Staaten auf geringes Verständnis, von Wohlwollen ganz zu schweigen. Das gilt als schlichte Zeitverschwendung.

Der Amerikaner vergeudet seine Zeit lieber auf eine mehr sporadische Weise, etwa wenn er sich um den Cola-Automaten drängelt oder um den Eiswasserbehälter kauert. Die Zeitverschwendung ist zweifellos die gleiche. Nicht jedoch auf der Vorstandsebene bei der Siemens AG, einem der sechs deutschen Großunternehmen, das zu den in der Welt führenden Herstellern von Elektro-Anlagen gehört.

Dort ist der Vorstandstee zu einem Instrument des Managements geworden. Dr. Bernhard Plettner, der Vorstandsvorsitzende, lädt regelmäßig jeden Monat zum Tee ein, an einem Freitag nach Erlangen in der Nähe von Nürnberg und am darauffolgenden Montag in München, dem Hauptsitz des Unternehmens. Die Teepärtys sind die wichtigsten Termine im Siemens-Kalender.

Plettner gibt zwei Teepartys, weil jede Gruppe die Basis für drei der sechs Unternehmensbereiche ist, aus denen sich das Riesenunternehmen zusammensetzt: Installationstechnik, Energietechnik, Nachrichtentechnik, Datentechnik, Bauelemente, Medizinische Technik. Bei jeder Teestunde kommen die Vorstandsmitglieder zusammen, um sich, wie Queen Annas Höflinge, Tee und Rat zu holen. Die Treffen sind streng informell, ohne jede Tagesordnung; die Diskussionen werden frei und offen geführt; jeder der versammelten teeschlürfenden Manager darf jedes beliebige Thema anschneiden.

Plettner betrachtet diese Tee-Kollegien als die wichtigsten Vorstandstreffen. Auf ihnen passiert viel mehr von wirklichem Wert als auf den unzähligen formalen Konferenzen, an denen auch bei Siemens, wie bei allen deutschen Gesellschaften, kein Mangel ist. Die Meinung der vereinigten Häuptlinge über ihre eigenen Neuerungen ist jedoch in der Regel nicht unparteiisch genug – die Plettner-Partys beziehen ihren Wert aus ihrer grundverschiedenen Atmosphäre.