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ZDF, Dienstag, 7. September: "Kennzeichen D – Deutsches aus Ost und West"

Der polnische Karikaturist Szymon Kobylinski fand über die Treuebekenntnisse und skeptischen Ausblicke hinaus den Mut zur Satire. Auf die Frage des ZDF-Korrespondenten, wie denn wohl nach seiner Meinung Berlin im Jahre 2000 aussehen werde, riskierte er eine Vision: "Da wird die Mauer aus Plexiglas und durchsichtig gemacht" – sprachs, nahm einen Zeichenstift und malte den Deutschen aus West, wie er durch die gläserne Wand den Deutschen aus Ost, den Fernsehturm am Alexanderplatz und das Rote Rathaus betrachtet. Aber eben halt immer noch nur betrachtet.

Der ehemalige Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt, der einmal eine neue Bonner Ostpolitik begründete und als Kanzler die Verträge unterschrieb, zeigte sich auf die gleiche Frage eher realistisch kühl, leicht resignativ, ein bißchen verwundert auch, aber im Grunde skeptisch: "Wenn Sie mich vor fünfundzwanzig Jahren gefragt hätten, hätte ich gesagt: ‚Es ist möglich, daß wir im Laufe eines Vierteljahrhunderts die deutsche Frage im Sinne der Wiederherstellung der staatlichen Einheit lösen können.‘ Heute, so fürchte ich, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre vorausschauend, spricht die größere Wahrscheinlichkeit dafür, daß es weiter zwei deutsche Staaten geben wird."

Das Kartell der Berlin-Angst-Macher als Dracula in einem Horrorfilm und der Transvestitenstar, der von der Berliner Luft singt, Modelle einer attraktiven Umwelt für die komplexbeladene Ex-Hauptstadt und die Gefahr ihrer Provinzialisierung: Zur hundertsten Sendung leistete sich das Redaktionsteam von "Kennzeichen D" einen Seitensprung, schaute nicht wie üblich über fremde und eigene Zäune, beschrieb nicht Deutsches aus Ost und West, sondern konzentrierte sich auf seinen höchsteigenen Standort, versuchte die Zukunftserwartungen von Berlin und die tatsächlichen Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen, fragte sich nüchtern, ob die Lebensqualität für eineinhalb Millionen Menschen nicht besser zu garantieren sei als für deren zwei. Und traf mit seiner gar nicht euphorischen Offenheit die Berufsberliner an einer empfindlichen Stelle.

Empfindlich zu treffen, dabei aber stets doch so zu schlagen, daß der Hieb nicht beleidigt, eher aufstört, erschrocken macht über die bisherige Ahnungslosigkeit und zum Nachdenken zwingt, Reaktionen veranlaßt – das ist eines der Hauptziele und eine der Hauptstärken von "Kennzeichen D" gewesen, seit die Sendung vor fünf Jahren das etwas betuliche "drüben" ergänzte und schließlich ersetzte. Die Erschreckten und Geschlagenen waren und sind die Deutschen mal von dieser, mal von jener Seite der Grenze, die unverholen zu benennen uns so lange schwerfiel.

"Kennzeichen D" hat es von Anfang an abgelehnt, bloß als Lautsprecher zur anderen Seite hinüber zu dienen, "aus der Zone für die Zone" zu berichten. Hanns Werner Schwarze, Leiter des Berliner ZDF-Studios und Moderator von "Kennzeichen D": "Wir zielen auf die Zuschauer in der Bundesrepublik und haben nicht die Absicht, zu den ‚Brüdern und Schwestern‘ zu reden, weil das zu lange zu vergeblich getan wurde." Im "Wettkampf der Systeme" richtet das Magazin den kritischen Blick auf beide Systeme, seine "Brückenfunktion" aber besteht darin, die Menschen, deren Gespräch miteinander erwünscht ist und bleiben soll, wenigstens über die Grundbedingungen des anderen zu informieren.

Dieser gesellschafts- wie staatspolitische Realismus und sein unvoreingenommener Blick nach beiden Seiten hat dem Magazin den Ruf eingetragen, das linke Alibi des ZDF, ein Ausgewogenheits-Kontergewicht zu Löwenthals rechtslastigem Magazin zu sein. Er hat, umgekehrt, aber auch dafür gesorgt, daß dieses Magazin und seine Mitarbeiter für Bürger und Funktionäre der DDR glaubwürdig geworden sind. Seine "raffinierte Argumentationsweise" ist in Ostberlin geschätzt auch in höchsten Regierungskreisen und hat ihm das etwas doppelsinnige Kompliment "Aggression auf Filzlatschen" eingetragen.

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Diese Raffinesse liegt vor allem in der Konfrontation und gegenseitigen Kommentierung der Magazin-Beiträge, die auf den ersten Blick durchaus nichts miteinander zu tun haben, die aber in ihrem zeitlichen Nacheinander plötzlich eine wechselseitige Interpretationskraft gewinnen – wenn etwa drastische Strafen für eine Kaufhaus-Diebin aus der DDR, die für ein Auto spart, und ein markiges Wort eines West-Industriellen über die neue und große Freiheit eines frischgebackenen Automobilbesitzers zusammenprallen, oder die nostalgischen Szenen einer Tanzveranstaltung von deutschen Juden in Israel mit dem Bericht über einen selbstgerecht-sicheren deutschen Richter mit leicht angegrauter Weste.

Und es liegt nicht zuletzt in den kurzen, gai nicht aufwendigen Moderationen von Hanns Werner Schwarze. In ihren präzisen Formulierungen, dem von aller Hektik freien und doch stets spürbaren Engagement, den immer etwas unerwartet eine so selbstverständliche wie verblüffende Richtung einschlagenden Pointen seiner Schlußbemerkungen sind sie Musterbeispiele für eine eindringliche und doch nie missionarische, wachsam mannende und doch nie pharisäisch besserwissende oder manichäisch eifernde kritische Aufmerksamkeit.

Schwarze, der 1947 zum RIAS kam, dort bis zum Chef der Nachrichtenabteilung sich hocharbeitete, 1961 aber den Sender verließ, weil der es "nicht mehr für vertretbar hielt, den Menschen unberechtigte Hoffnungen zu machen", der "Report" gründen half und 1963 zum ZDF-Studio Berlin stieß, auf die Frage, woher ihm sein liberales und humanes Engagement komme: "Ich glaube, daß man mit einem Generationshorizont, wie ich ihn habe, als politischer Journalist kein interessanteres und wichtigeres Thema haben sollte, als die Beobachtung der Folgen des Größenwahns, den unser Volk so eifrig mitgespielt hat.‘

Er glaube, sagt Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Willy Brandt in der Jubiläumssendung, daß es "Berlin nicht gut bekommen ist, daß diese Stadt ganz dominiert wird durch den Springer-Konzern ... diese Mischung einer missionarischen Haltung, die von den deutschen Realitäten in der Welt ziemlich weit entfernt ist, mit etwas sehr Kleinkariertem und eigentlich nicht besonders Großstädtischem." Das aus Berlin kommende "Kennzeichen D" hat da im Laufe seiner fünf Jahre und der einhundert Ausgaben ganz hübsch einiges Verzerrte wieder gerade biegen und unserem Blick über alle möglichen Zäune hinweg einen etwas weiteren Horizont geben können.

Heinz Josef Herbort