In der Schweiz ist der traditionelle soziale Frieden bedroht

Von Alexander Mayr

Nach vier Wochen Streik gaben die Arbeiter auf und kehrten an ihre Arbeitsplätze bei der Strickmaschinenfabrik Dubied im Westschweizer Jura zurück. Sie hatten einen Monatslohn verspielt und eine Legende zerstört – die Legende vom immerwährenden Arbeitsfrieden in der Alpenrepublik.

Ezio Canonica, der Präsident des Schweizer Gewerkschaftsbundes, hatte schon im vergangenen Jahr gewarnt: "Wenn der Kuchen auf dem Tisch kleiner wird, können vermehrte Spannungen nicht ausbleiben." Doch niemand wollte dem breitschultrigen, sympathisch wirkenden Tessiner, der hochdeutsch spricht, weil "falsches Schweizerdeutsch nur lächerlich klingen würde", so recht glauben. Klappern gehöre eben zum Handwerk, meinten die meisten Schweizer.

Anfang November meinte das renommierte Zürcher Privatbankhaus Julius Bär in seinem Wochenbericht an die erlesene Klientel sogar, Arbeitnehmervertreter wie Arbeitnehmer würden nicht gleich auf die Barrikaden steigen, wenn Reallohnerhöhungen ausblieben oder gar der Teuerungsausgleich – bislang eine der "Heiligen Kühe" der Eidgenossen – wegfiele. "Sie haben erkannt, daß es so etwas wie die Lohnzahlungsfähigkeit eines Betriebes gibt, und daß sich daran Entscheidendes geändert hat."

Der Wirtschaftseinbruch, der in der Schweiz 1975 mit einem Rückgang des realen Bruttosozialprodukts um sieben Prozent tiefer war als in anderen Industrienationen, schien den seit rund vierzig Jahren in der Alpenrepublik währenden Arbeitsfrieden kaum zu gefährden. Andreas C. Brunner, den Verwaltungsratspräsidenten des multinationalen Schweizer Elektrokonzern Landis und Gyr, veranlaßte dies zu dem Lob: "Im Gegensatz zum Ausland, wo durch das Unverständnis der Arbeitnehmer weitere Arbeitsplätze gefährdet werden, haben sich die notwendigen Anpassungsmaßnahmen in der Schweiz erstaunlich gut durchführen lassen."

Mitte Januar änderte sich die Lage allerdings schlagartig. Was in der Schweiz bislang kaum für möglich gehalten wurde, trat ein: Die Belegschaft des Neuenburger Bulova-Zweigwerks, das nach Biel verlegt werden sollte – wegen des zu langen Anmarschweges wäre das für die meisten Beschäftigten einer Kündigung gleichgekommen – besetzte den Betrieb. Streiks und Besetzungen bei der Genfer Zeitung "Courrier", bei der Maschinenfabrik Massa Maret und bei Matisa, Produzent von Uhrteilen, folgten Schlag auf Schlag.