Von Michael Jungblut

Wer ist der Größte im ganzen Land oder gar in der Welt? Eine Antwort darauf versuchen die Listen der umsatzstärksten Unternehmen zu geben. Die berühmteste Rangliste veröffentlicht das amerikanische Wirtschaftsmagazin Fortune, das alljährlich mit Fleiß und Akribie die 500 umsatzstärksten Konzerne der USA und die 500 größten Firmen außerhalb der Vereinigten Staaten zusammenträgt. Die ZEIT veröffentlicht in jedem Jahr eine Liste der hundert größten deutschen Industrieunternehmen.

Diese Liste zeigt, welche Unternehmen die höchsten Umsätze erzielten, also ihren Kunden am meisten Güter und Dienstleistungen verkauften. Sie läßt erkennen, welcher Konzern am stärksten von einem Boom profitierte oder am besten durch eine Flaute kam – also trotz Krise und Ölpreis-Schock seine Umsätze vielleicht noch steigern konnte.

Die wirtschaftliche Großwetterlage hat in allen Tabellen der letzten Jahre stets deutliche Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt als Folge der Ölkrise rutschte das Volkswagenwerk in der vor einem Jahr veröffentlichten Umsatz-Rangliste von dem bis dahin unangefochten behaupteten Platz eins auf die siebte Position. Die Veba dagegen übersprang mit Hilfe der gestiegenen Ölpreise und der Übernahme von Gelsenberg in einem Jahr Weltkonzerne wie die BASF, Hoechst und Bayer oder Daimler und rückte auf Platz eins – mit klarem Abstand vor Thyssen, dem aber 1974 immerhin der Sprung vom achten auf den zweiten Rang gelungen ist.

Aber sind die umsatzstärksten Unternehmen auch wirklich die "größten"? Was nützt eine gewaltige Umsatzsteigerung, wenn sie nur mit hohen Verlusten erkauft wurde und schließlich in der Pleite endet – wie beispielsweise im Fall SB "mehr wert"? Und es war weder das Verdienst des Exxon-Managements noch für die USA von Vorteil, daß der Mineralölkonzern 1974 den Automobilproduzenten General Motors von seinem Stammplatz als umsatzstärkstes (beziehungsweise "größtes") Unternehmen der Welt verdrängte. Es war vielmehr die von den Arabern erzwungene Erhöhung der Ölpreise, die die Verkaufserlöse – aber auch die Einkaufspreise – der Ölkonzerne so stark hochtrieben, daß sie in allen Ländern auf der Liste der umsatzstärksten Unternehmen mit Riesensprüngen nach vorn rückten. Die Höhe des Umsatzes kann daher nur ein Maßstab für die volkswirtschaftliche Bedeutung eines Unternehmens sein.

Die Frage, was ein Unternehmen zum Wohlstand eines Landes beigetraigen hat, läßt sich nur beantworten, wenn nach seiner "Wertschöpfung" gefragt wird. Eine solche Liste der hundert Unternehmen mit der höchsten Netto-Leistung ist aber bisher noch nie veröffentlicht worden.

Die ZEIT hat daher in diesem Jahr zum erstenmal untersucht, welchen Beitrag die hundert größten Industrieunternehmen der Bundesrepublik zum Volkseinkommen unseres Landes geleistet haben: Welches Einkommen haben sie ihren Mitarbeitern gezahlt; wie hoch ist der Betrag, den sie dem Staat zur Erfüllung seiner Aufgaben überwiesen haben; was bekamen diejenigen, die dem Betrieb Kapital zur Verfügung gestellt haben – entweder als Eigentümer oder Kreditgeber; welcher Teil des Jahresüberschusses verblieb zur Stärkung der finanziellen Basis im Unternehmen (oder mußte aus den Rücklagen entnommen werden, um Verluste auszugleichen)?