Gefangene schafften die Grundlage der sowjetischen Wirtschaft

Von Wolf gang Leonhard

Dieses Buch ist weit mehr als ein Augenzeugenbericht über Gefängnisse und Lager der Stalin-Ära. Schildert Solschenizyn im „Archipel Gulag“ die Leiden und Entbehrungen der Gefangenen, so Stajner vor allem ihre Reaktionen. Karlo Stajner ist Kommunist – allerdings Anhänger eines Kommunismus, derzum Stalin-System in diametralem Gegensatz steht. Er bemüht sich zu zeigen, „daß die Entwicklung in der Sowjetunion keine Folge des Sozialismus war, sondern das Ergebnis des konterrevolutionären Umsturzes, den Stalin 1936 durchgeführt hat und der in erster Linie gegen den Sozialismus gerichtet war“.

Karlo Stajner: „7000 Tage in Sibirien“; Europa Verlag, Wien 1975; 505 S., 35,– DM.

Stajner, 1902 in Wien geboren, hatte sich 1919, als Druckerlehrling, der kommunistischen Bewegung, angeschlossen. Auf Vorschlag Willi Münzenbergs, damals Sekretär der Kommunistischen Jugend-Internationale, wurde er 1921 nach Jugoslawien entsandt; dort war er fast zehn Jahre für die illegale kommunistische Partei tätig, bis die von ihm geleitete Druckerei aufflog. Er entkam nach Paris, arbeitete dort unter jugoslawischen Emigranten und richtete anschließend in Wien eine Druckerei für die, zumeist illegal tätigen, kommunistischen Parteien der Balkan-Länder ein. Auf Anweisung Dimitrows, damals Vertreter der Komintern-Führung in Berlin, kam Stajner über Litauen am 14. September 1932 in Moskau an. „Endlich war ich im Land meiner Träume“, beschrieb er seine Hoffnungen.

In Moskau erhielt er den Auftrag, die Druckerei der kommunistischen Internationale zu leiten; schon bald mußte er seine ersten Enttäuschungen erleben. Die grotesken Unterschiede in der Versorgung für die führenden Funktionäre auf der einen und die „gewöhnlichen“ Arbeiter und Angestellten auf der anderen Seite – alles Parteimitglieder – erschreckten ihn genauso wie das Mißtrauen, das er und andere Genossen aus dem Ausland bei russischen Freunden antrafen. Als Stajner eine Studentin des Instituts für Fremdsprachen in Moskau, die Russin Sonja, heiratete, blieben ihm selbst die engsten Verwandten seiner Frau unbekannt. Niemand ihrer russischen Freunde konnte es wagen, das junge Paar zu besuchen. Aber dies war alles nur ein kleines Vorspiel. Am 4. November 1936, zu Beginn der großen Säuberung“, wurde Karlo Stajner verhaftet, kam zunächst in das berüchtigte Lubjanka-Gefängnis in Moskau und anschließend in verschiedene Stalin-Lager des hohen Nordens. Nach 17jähriger Lagerhaft wurde Karlo Stajner 1954 endlich entlassen, durfte aber nicht nach Moskau, sondern wurde in ein kleines sibirisches Dorf am Unterlauf des Jenissej verbannt. Erst nach dem berühmten 20. Parteitag 1956 sah er Moskau wieder und konnte endlich von dort mit seiner Frau Sonja, die 19 Jahre auf ihren Mann gewartet hatte, nach Jugoslawien zurückkehren.

Traum vom Häuschen