Von Reue Drommert

Ich lese, ich stutze: Die Bevölkerung, so steht es schwarz auf weiß in einer Tessiner Werbeschrift, strahlt "lateinische. Wesenswärme" aus. Lateinische? Haben wir bei Latein, und mag die Schulzeit noch so weit zurückliegen, nicht gleich die unfreundliche Assoziation von Vokabeln und Grammatik, gar nicht von Wesenswärme? Es mag wohl was Richtiges sein an jener Bemerkung, denn schon ein paar Jahre vor Christi Geburt war das Gebiet, das sich heute Tessin oder Ticino nennt, von Römern besetzt. Die vermögenden Römer paukten nicht nur ihr Latein, sondern bauten auch Villen an den Ufern der schönen Seen, wo man Lorbeeren und Mimosen, Bananen, Palmen, Kamelien und Zitronen findet. "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" fragt Goethe und meint Italien. Er hätte das Tessin einbeziehen ("subsumieren") können. Da blühen nicht nur jene vitaminreichen Zitrusfrüchte, da wird auch Italienisch gesprochen, und, nein, nicht "lateinische", sondern italienische Wesensart ist wenigstens benachbart – obwohl immer auch Grenzen zu ziehen sind, kreuz und quer. So warnt Max Wermelinger, ein kundiger Schweizer, man solle die tessinische Italienität nie und nimmer mit Italophilie verwechseln. Verwechseln wir auch nicht, nicht wahr? Aber Lugano zum Beispiel, das kürzlich für 34 Millionen Franken ein pompöses Kongreßzentrum errichtet hat, das keine eigene Bühne besitzt und auf Gastspiele angewiesen ist, holt sich Theatertruppen gern aus Verona, gelegentlich auch aus Paris. Im ganzen Tessin, nicht nur in Lugano, wird Französisch gelernt und französische Literatur gelesen, klassische und moderne.

Das hat wohl auch etwas mit "Komplexen" zu tun, mit dem Gefühl der Isolation und den dadurch hervorgerufenen Ausbruchsgelüsten. Auf kulturellem Gebiet spricht man oft von "Inseldasein" oder, noch bitterer, von einer "Getto-Situation". Zu den Bestrebungen, aus dem geistigen "Getto" auszubrechen und dauerhafte und geschmeidige Grenzüberschreitungen zu ermöglichen, gehört auch der Plan, in Lugano, der "heimlichen Hauptstadt" des Kantons, eine Universität zu errichten.

Ausbruch lauert allenthalben, auch unter trägen, verkrusteten, psychischen Schichten. Drei Jahrhunderte war das Tessin ein Armeleuteland, in Bergsiedlungen herrschte Not, im Verzascatal zum Beispiel, nördlich von Locarno. Ich höre jetzt von Corippo, ich sah Sonogno. Sonogno, "von der Natur benachteiligt", wie es in einer Dokumentation heißt, kämpft einen schweren Kampf. Es geht um nichts Geringeres als die Existenz. Das Dorf hat mit Hilfe hinzugezogener Fachkräfte Gelder mobilisiert und eine ausführliche Ortsplanung ausgearbeitet. Zu dieser Planung gehören Bauzonen, öffentliche Anlagen, eine Dorfkernschutzzone, Verkehrsregelung, Parkplatz, Kanalisation, soziale Fürsorge. Die Initiative haben die Bewohner in einer bewunderungswürdigen Selbstbehauptung und Auflehnung ergriffen. Ihr Trotz richtet sich erklärtermaßen gegen: "jene Politiker, die sich nicht für eine so schwache Wählerschaft interessieren; jene Ökonomen, die nur nach Wachstumskurven urteilen; jene Reformer, die kulturelle Verhaltensweisen mißachten; jene Natur- und Heimatschützer, die sich damit begnügen, zum nationalen Wohl einen romantischen Flecken zu konservieren". Der Fehdehandschuh ist hingeworfen. Die Kosten für die Realisierung des Ortsplanes sind auf anderthalb Millionen Franken angesetzt. Man versucht auch, kollektive Nutzungsformen zu entwickeln, je vier Landwirte schließen sich zwecks Rentabilität zu einer Gemeinschaft zusammen. Und man versagt sich schließlich auch nicht eine sozialkritische Spitze in kecker Formulierung: "Wenn die Einwohner von Sonogno die Anstrengung unternommen haben, ein kulturelles Erbe für die entwurzelten Städter zu erhalten, ist es da angebracht, daß sie unter schwierigeren Bedingungen leben müssen als ihre Besucher?" Das ist vielleicht hochfahrend, ein falscher Zungenschlag. Aber was macht das schon aus angesichts einer Entwicklung, die tragisch anmutet? Schon seit einigen Jahren wird versucht, den Untergang zu stoppen, aber der Einwohnerschwund ist nicht aufgehalten, im Gegenteil. Vor nicht einmal einem Jahrzehnt lebten dort 135 Menschen, heute nur noch 80.

Der Plan ist, so reizvoll er auf den ersten Blick wirkt, vielleicht doch der Vorgriff auf eine Zukunft, die nicht stattfindet. Da gehen die Uhren vor... Das erinnert mich an die vorgehende Uhr der Kirche Pietro e Paolo in Ascona. Wenn die Uhr zwölf schlägt, ist es in Wirklichkeit erst halb zwölf. Ich hörte die Begründung von Kirchgängern: Eine Reparatur ist nicht möglich. Ist in Sonogno eine "Reparatur" der unexakten Zeitbegriffe auch unmöglich? Ist eine Gemeinde, die sich so mutig gegen Anarchie und Resignation aufrafft, zum Untergang verurteilt? In manchen Berggegenden haben Bauern, zusätzliche Einkünfte aus Nebenbeschäftigungen, in Sonogno nicht. Im Jahre 1968 fanden nur vier von 19 selbständigen Landwirten eine (existenzsichernde) ergänzende Tätigkeit im Bauwesen oder in der Verwaltung. Auswanderung, vor allem junger Menschen, war oft die natürliche Folge der Notlage.

Das Tessin ist anders, als es in Touristikprospekten und Gefälligkeitstiraden erscheint. Natürlich sehr viel schöner. Ausdrücke wie "Sonnenstube" oder "Paradies" sind allzu süßlich. Da ist mehr zu erleben, Gebirge zum Beispiel, diese Ergebnisse prometheischer Kraftakte der Erdkruste, hochgetürmte Massen aus Widerstand und Schwere, ungeschickt zirzen sie mit Himmel und Wolken, sklavisch ergeben ihrer Laune und Flüchtigkeit. Und die Wasser! Der Luganer See und der Lago Maggiore: zuweilen heiter spiegelnde Intermezzi zwischen den störrischen Gewaltverteilungen der Berge. Steigt man in der Magadinoebene in eines der jedermann zugänglichen kleinen Flugzeuge und fliegt über den Lago Maggiore, so kann man die landschaftliche Gliederung mühelos wahrnehmen.

Und die Menschen an den Ufern der Seen und Flüsse, an den Hängen der Berge, in den Tälern, sind es "fröhliche" Menschen, wie oft gesagt wird? Nein, ihr Temperament, ihre (natürlich schweizerische) Italienität, ihre Spontaneität und Schläue lassen keine verkitschte Klassifizierung zu. Sie haben, neben ihrer höflichen Aufgeschlossenheit, auch ihre psychischen Verstecke, Vorbehalte und Spannungen: zuweilen brechen sie aus...