Trotz Leibniz am Anfang, Kant am Ende, trotz Friedrich und Katharina und Joseph bleibt das achtzehnte Jahrhundert das der beiden europäischen Westmächte; nicht bloß indem Sinn, daß eigentliche Weltkämpfe auf den Meeren, in Amerika, in Indien zwischen ihnen ausgefochten wurden, auch in dem anderen, daß sie dem übrigen Europa zwei ungleich geartete, gleich bewunderte Modelle boten, indös ein ständiger freundfeindlicher Dialog zwischen ihnen stattfand.

So ist es legitim, daß Robert Mandrou im dritten Band der j Propyläen Geschichte Europas" Frankreich und England überwiegend im Blick hat; von seinen 368 großen, zweispaltigen Seiten handeln 225 von diesen beiden Staatswesen, Nationen, Gesellschaften, Kulturen. Unnütz, dagegen etwas einzuwenden, etwa zu beklagen, daß die Leistung Peters des Großen nicht ausführlicher dargestellt wird. Die Geschichte Europas durch fünfviertel Jahrhunderte zu erzählen, ist immer eine tour de force: Man muß verkürzen, auswählen, Schwerpunkte setzen, so sinnvoll, wie die Sache eingibt. Man muß unterscheiden und dann verbinden, und zwar durch Begriffe, die ihrerseits von den Sachen abgezogen sind. Dies sind Mandrous Hauptbegriffe: die "Staatsräson" und die "Vernunft". In ihrem Zusammenspiel liefern sie Einteilungen und Überschriften: "Vernunft oder Staatsräson" (Frankreich und England in den Jahrzehnten vor 1700); Robert Mandrou: "Staatsräson und Vernunft 1649—1775"; PropyläenUllstein Verlag, Berfifl 1976; 472 S, davon 376 Seiten Haupttext, 168 — DM "Vernunft, Staatsräson und Traditionen" (Frankreich, England, Europa im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts); "Vernunft gleich Staatsräson?" (die absolutistischen Staaten des Ostens). Beide Begriffsgespenster in ihren variierten Kombinationen, zweimal neben- oder gegeneinander gestellt, das dritte Mal, aber mit einem Fragezeichen, einander gleichgesetzt, können nun freilich den reichen Inhalt der Kapitel, denen sie zum Namen dienen, nicht wirklich identifizieren. Immerhin: Staatsräson war Trumpf an Europas Höfen seit dem Westfälischen Frieden — auch schon ein wenig früher; und wenn in Frankreich die, neue, freie Vernunft immer schärfere Kritik an ihr übte, so wurde unter dem "aufgeklärten Absolutismus" der Versuch gemacht, die Vernunft selber dem Staat und seiner Macht gegen innen und außen sichtbar zu machen. Was, nebenbei bemerkt, schon in dem Wort Staatsräson liegt (Das Werk ist aus dem französischen Manuskript übersetzt. Wie konnte da wohl ein Gegensatz zwischen raispnund raison detat akzentuiert werden?) Andere Grundbegriffe, mit denen der Autor zu operieren liebt: Kontinuität (der gesellschaftlichen Entwicklung, der Herrschaftssysteme, des wissenschaftlichen Fortschritts) gegen Diskontinuität im Oberflächen Spektakulären; Gleichgewicht, dynamisches, labiles, schließlich fehlendes Gleichgewicht (zwischen den herrschenden Klassen, den Klassen überhaupt, den Staaten, den Ideen); Diskrepanz zwischen dem Bild oder Mythos, den ein Herrschaftssystem sich von sich selber macht oder der Wejt vormacht auf der einen Seite, auf der anderen der beherrschten, nie ganz beherrschten Wirklichkeit; ständiges Nebeneinander höchst unterschiedlicher Bestrebungen, Sitten, Glaubensüberzeugungen, alter und neuer — das, was man heute "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" nennt, aber Mandrou gebraucht den Ausdruck nicht. Es kommen dazu die vom Gegenstand her sich aufdrängenden Selbstverständlichkeiten. 125 Jahre Europa sind keine Einheit, nicht in der Zeit und nicht im Raum. Es müssen verschiedene, obgleich mehr oder weniger verwandte Strukturen analysiert, verschiedene Gesellschaften beschrieben werden, und zwar in ihrem Wandel; was an das Prinzip der Erzählung unvermeidlich herankommt.

Ob Mandrou eigentlich hat erzählen wollen, weiß ich nicht. Jedenfalls geschieht es ihm ab und an. Zum Beispiel wird das große Pariser Finanzabenteuer des John Law erzählt und vorzüglich erzählt; diese Seiten lesen sich wie eine spannende Novelle.

Mandrous Geschichtsphilosophie ist eine angenehm diskrete, undogmatische. Was sollte "Geschichte" in ihrer Basis anderes sein als Geschichte der Menschen, nämlich der vielen Menschen, wie sie lebten, nämlich produzierten und mit ihren Produkten Handel trieben, herrschten und beherrscht wurden, kommandierten und gehorchten, spielten und sich unterhielten, fürchteten, glaubten, hofften, nachdachten? Das letztere auch. Dieser Historiker schämt sich gar nicht, jetzt allverachtete Friedrich Meinecke, von dem ja das ehedem klassische Werk über die "Idee der Staatsräson" stammt. Ohne Skrupelläßt er sein Werk mit Ideen, "Vernunft", "Fortschritt", Wissenschaft, beginnen. Woher sie kommen, fragt er nicht eigentlich; daß sie vom Himmel fallen und mit der menschlichen Wirklichkeit, auf die sie wirken, von Haus aus nichts zu tun haben, nimmt er gewiß nicht an. Allerdings können Erkenntnisse, sogar Erfindungen ganz einfach zu früh kommen. Die Dampfmaschine war schon im 17. Jahrhundert erfunden. Ihre Stunde kam hundert Jahre später; da erst war das Interesse da, welches die Erkenntnis gebrauchte. So einfach ist das.

Ohne Skrupel auch gibtMandrou den Individuen ihren Teil. Der Tod Ludwigs XIV bedeutet eine lang erhoffte, zum Durchbruch langen aufgestauten Protests führende Zäsur. Bei dem Bericht vom Sterben des vormaligen Sonnenkönigs und Beginn der Regentschaft habe ich an den Tod des Generals Francö denken müssen. Wie verblenden wir uns doch in sich überschlagender Gescheitheit gegen das, was Leben und Sterben eines einzelnen allgemein bedeuten kann, und haben es doch selber erlebt.

Die Regierungszeit Ludwigs XV zerfällt in swei Perioden, weil der König einen solchen Ersten Minister wie den Kardinal Fleury, gestorben 1742, nicht mehr fand. Für Mitteleuropa bedeutet das Jahr 1740 eine Zäsur: der Regierungsantritt Friedrichs II und der Maria Theresia, mit den und den Folgen. Daß Zäsur ist, widerlegt nicht, daß auch Kontinuität ist. Friedrich baut auf dem Werk der Hohenzollern, zujmal seines Vaters, für dessen bei allen Wunderlichkeiten tüchtige Leistung Mandrou eine Art Ehrenrettung vornimmt; so wie Ludwig XIV. viel mehr auf dem Werk Heinrichs IV, Richelieus, Mazarins baut und es fortsetzt, als er in seinen Memoiren wahrhaben will. Aber Friedrich tut mit dem Vorgefundenen, was Friedrich Wilhelm I nicht tat, auch kein anderer getan hätte, und der Aufbau der preußischen Größmacht ist ein Ding, das im Guten und Unguten sehr viele Menschen zu spüren bekommen.

Dem Wirken noch so eigenwillig begabter Herrscher sind Grenzen gesetzt; teils durch sich selber, teils vom Gegenstand her. Durch sich selber: der in das System des "aufgeklärten Absolutismus" eingebaute Widerspruch ist der, daß letzt überflüssig machen und dem Bürgertum seinen Platz räumen müßte; was kein "aufgeklärter" Fürst wünschen kann. Folglich muß er bremsen und ständig sich auch zurücknehmen; wie zum Beispiel Friedrich, in klarem Bewußtsein, ;dem Adel seine aus irrationaler Vergangenheit überkommene privilegierte Stellung bewahrt, weil er sie für die Erhaltung des Staates und seiner Gesellschaftsstruktur für nötwendig erachtet. "Dieser aufgeklärte Monarch war eben kein Revolutionär, auch wenn seine Ambitionen Veränderungen erheischten, durch welche die gesellschaftlichen Strukturen seines Landes erschüttert worden wären Ferner: "Wohl war Friedrich II. kein friedliebender Monarch" — was zutrifft. Auch: "Nur war Friedrich Wilhelm I kein Philosoph im eigentlichen Sinn des Wortes — was nun erst recht zutrifft.