In den deutschen Börsensälen werden derzeit nicht nur Wertpapiere, sondern auch Parteien gehandelt: Das traditionelle Wettgeschäft über den Ausgang der Bundestagswahlen ist wieder voll im Gange.

Zu Beginn dieser Woche wurde die CDU/CSU zum Preis von 48 1/4, die SPD zu 42 und die FDP zu 8 gehandelt. Gemeint sind damit die Stimmen-Prozentsätze, die bei der kommenden Bundestagswahl nach Ansicht der Käufer die Parteien höchstens erreichen. Die Gegenseite dieses Wettgeschäfts, die Verkäufer, setzten dagegen darauf, daß die Prozentsätze über den von ihnen "gekauften" liegen werden.

Dabei steht nicht das Wahlergebnis insgesamt zur Debatte. Denn kaufen oder verkaufen kann man an der Börse immer nur eine Partei. Diesmal im übrigen auch nur die großen: Im Gegensatz zu früheren Bundestagswahlen sind die Splitterparteien in diesem Jahr zum Handel nicht "zugelassen". Da ihre Stärke am schwersten vorauszuschätzen ist, gab es bei früheren Wahlwetten bei ihnen die größten Gewinne – aber auch die schwersten Verluste.

Der "Stückpreis" für eine Partei wird von den Vertragsschließenden vorher festgelegt. Im allgemeinen einigt man sich in diesem Jahr auf eine Mark je "Stück Partei". Abgerechnet wird nach der Wahl, sobald das amtliche Endergebnis vorliegt. Wer beispielsweise 5000 Stück CDU/CSU zum Preis von 48 1/4 erworben hat, muß zahlen, falls die CDU/CSU ein höheres Stimmenergebnis erreicht, und zwar pro Prozentpunkt und Stück eine Mark. Liegt das endgültige Ergebnis für die CDU/CSU bei 49 1/4 Prozent, zahlt der Käufer an den Verkäufer für diesen Abschluß 5000 Mark. Bleibt das Ergebnis unter 48 1/4, muß der Verkäufer "antreten".

In den letzten Tagen schwankten die Kurse der Parteien nur noch wenig. Die CDU/CSU ist dabei, nach einem kleinen Tief von 47,80 Mark wieder leicht nach oben zu ziehen. Interessant ist die Bewertung der FDP: Sie liegt an der Börse ziemlich konstant bei acht Prozent.

Da die Parteien einzeln gehandelt werden, können die Prozentsätze gelegentlich mehr als 100 erreichen. Das ist deshalb möglich, weil viele Abschlüsse auch dazu dienen, eingegangene Wettrisiken abzusichern. Um ihre bisherigen Wahltransaktionen weitgehend zu neutralisieren, verkaufen "Parteienhändler" zu Kursen, zu denen sie zuvor gekauft haben.

Das Börsengeschäft mit den Parteien hat inzwischen internationalen Charakter angenommen. Besonders die Holländer beteiligen sich kräftig am deutschen Wahltoto. Die Banken, deren Angestellte weitgehend diesen "grenzüberschreitenden Handel" bestreiten, sehen solche Aktivitäten nur ungern. Nicht nur deshalb, weil dabei die Einrichtungen der Bank (Telephon und Fernschreiber) zweckentfremdet werden, sondern auch wegen der hohen Risiken, die einzelne Angestellte beim Wahltoto eingehen. So kam es in der Vergangenheit vor, daß sich einzelne Wahl-Wetter als "zahlungsunfähig" erklären mußten. Weil sie es zu toll getrieben hatten, erhielten bei der Bundestagswahl 1972 zwei Bankenvertreter sogar von ihrem Arbeitgeber Börsenverbot.

K. W.