Das Gutachten Neubauer und ein Bericht Katharina Hammerschmidts über die angeblich haarsträubende Gleichgültigkeit der Anstaltsärzte gegenüber ihren wiederholt vorgetragenen Beschwerden und den äußerlich sichtbaren Symptomen der Krankheit veranlaßten Rechtsanwalt Schily, namens seiner Mandantin Strafantrag gegen die "für das Unterlassen angemessener ärztlicher Versorgung während der Dauer der Untersuchungshaft verantwortlichen Personen" zu stellen. Die völlige Passivität der behandelnden Ärzte erfülle "den Tatbestand der versuchten Tötung mit bedingtem Vorsatz".

Das war starker Tobak. Denn bedingter Tötungsvorsatz bedeutet nicht weniger als: Sie haben den Tod der Gefangenen zwar nicht direkt gewollt, aber ihn doch als mögliche Folge ihrer Untätigkeit in Kauf genommen. Als Schily seine Strafanzeige erstattete, konnte er noch nicht sicher wissen, mußte aber für sehr wahrscheinlich halten, daß Katharina Hammerschmidt an dem zu spät erkannten, inzwischen nicht mehr operablen Tumor sterben würde. Daraus ergaben sich rechtliche Schwierigkeiten bei der Benennung des vermuteten Delikts: eine Anzeige allein wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Körperverletzung hätte den inzwischen erwiesenen, tödlichen Ausgang nicht mitumfaßt. Den Begriff einer versuchten fahrlässigen Tötung indes gibt es nicht. Man kann nicht fahrlässig versuchen, einen Menschen zu töten, sondern nur mit Vorsatz. Das macht die harte Bewertung immerhin verständlich.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat keinen der beschuldigten Ärzte zum Tatvorwurf vernommen. Sie bestellte statt dessen ein Gutachten von zwei Universitätsprofessoren, das die Betroffenen in allen Punkten entlastet, und drehte den Spieß um: Nicht die Ärzte seien schuldig am Tode der Katharina Hammerschmidt; dafür könne niemand; vielmehr habe der Anwalt den Ärzten und mittelbar der ganzen Berliner Justiz die Ehre abgeschnitten.

Der Turmorverdacht, den der herbeigeholte externe Arzt sofort äußerte, habe sich "ohne Zweifel" nur auf die Knoten an der Schilddrüse, nicht aber auf die später entdeckte Geschwulst bezogen. Na und? Im übrigen habe Katharina Hammerschmidt während wiederholter Hungerstreiks – die sie tatsächlich auch in den kritischen Monaten Oktober und November 1973 unternahm – ärztliche Untersuchungen konsequent abgelehnt, also an der Nicht-Diagnose zu ihren Lasten selbst mitgewirkt.

Um Hilfe gehungert

Auf die Idee, daß Frau Hammerschmidt mit den Hungerstreiks eine externe, klinische Untersuchung erzwingen wollte, während das medizinische Angebot der Anstaltsärzte sich nur auf die Feststellung etwaiger gefährlicher Hungerfolgen bezog, ist die Staatsanwaltschaft bisher nicht gekommen. Sie könnte Anhaltspunkte dafür in den Beweisaufnahme-Protokollen eines Zivilprozesses finden, den Katharina Hammerschmidt wegen Schadensersatz gegen das Land Berlin angestrengt hat und der seit ihrem Tod von den Erben fortgeführt wird. Dort hat eine der Anstaltsärztinnen bekundet, welche Untersuchungen sie der Gefangenen anbot: Urin, Nierenfunktion, Gewichtskontrolle, Blutdruck. Und: "Am 1. 11. 1973 hat mir die Klägerin erstmals gesagt, daß sie erneut in den Hungerstreik trete, weil ihre ärztliche Versorgung hinsichtlich ihrer Schilddrüsenerkrankung mangelhaft sei."

Aufseherinnen und Mithäftlinge bestätigten, daß die Schwellungen an Hals und Kopf unübersehbar waren ("zwischen ihren Kinnladen und dem Hals überhaupt kein Übergang mehr sichtbar"), Eine Mitgefangene, von Beruf Toilettenfrau und keiner Baader-Meinhof-Sympathien verdächtig, sagte aus, "... daß wir Frauen in der Haftanstalt nur deswegen Anfang Oktober 1973 Radau gemacht haben ..., weil uns allen der erschreckende gesundheitliche Zustand der Klägerin klar war und wir uns dafür einsetzen wollten, daß die Klägerin von einem Spezialisten behandelt würde".