Von Peter Demetz

Ich saß (nach einem jener Podiumsgespräche, bei denen West und Ost höflich aneinander vor-, beireden) in der Halle eines Frankfurter Hotels, und die Schriftsteller, die eben noch die geistigen Chancen der Lyrik erörtert hatten, strebten dem Portale des Restaurants zu. „Da ist ja der Fühmann“, sagte ein Freund, und da war er auch, der Gast aus der DDR, nicht so elegant wie der Sowjetpoet Andrej Wosnessenskij (blaues Seidentuch zum Tattersall-Jackett), eher wie ein solider Staatsbeamter in einem dunklen Sonntagsanzug, wie man ihn in Bonn, mit seriöser Silberkrawatte, in der Ära Adenauer getragen hat. Eigentlich wollte ich aufspringen und ihn anreden; später, auf meinem Zimmer, war ich fast dabei, den Portier telephonisch nach Fühmanns Zimmernummer zu fragen; aber was hätte ich ihm sagen sollen? Guten Abend, Herr Fühmann, ich bin einer ihrer treuesten Leser, einer, der Ihnen schon vor dreißig Jahren einen Fan-Brief an Ihre Feldpostnummer schrieb und dann furchtbar enttäuscht war, als ein Schreiben zurückkam, voll von Nazi-Slogans und maßlosem Gerede darüber, daß die junge Generation die Akropolis zerstören muß, um Raum für die neue Herrschaft der nordischen Rasse zu schaffen?

Ja, ich war, im Jahre 1942 oder 1943, sehr enttäuscht. In den losen Blättern, die der Heinrich Ellermann Verlag (Hamburg) damals unter dem unauffälligen. Titel „Lyrik junger Menschen“ herausgab (eine kleine Großtat unter der Nazidiktatur), waren mir Verse eines Obergefreiten namens Franz Peter Fühmann in die Hände gefallen, gleichaltrig, und auch aus Böhmen.

Da war besonders ein Gedicht, „Abend am Peipussee“, da dachte ich mir, das kann doch kein Nazi sein, „nächtlicher noch nie die Nacht/Banger noch keine Stunde“, dem schreibst du mal. Das tat ich, und die Antwort hat sich mir ins Gedächtnis eingeprägt.

Ich war später nicht erstaunt über den weiteren Weg des Franz Fühmann, wie ihn die deutsche Literaturgeschichte beschreibt: Jahre der Kriegsgefangenschaft und Antifa-Kurse; die „Fahrt nach Stalingrad“, die episch-lyrische Chronik von der Wandlung des Hitlerjungen zum gläubigen, ja mystisch gestimmten Apologeten der marxistischen Zukunftsvisionen; seine eiserne Entschlossenheit, Nation und Staat zu dienen (andersherum); seine Polemik, im Jahre 1956, gegen die „Demagogen“ (Harich und dessen Freunde); das Soll der Industrieprosa – aber zugleich, mitleidslos und ohne Aufhören, die Selbstgeißelung, um der einstigen Verfehlungen willen, und die immer erneute Frage, wie er (der keine Partisanen getötet oder Juden gemartert) dennoch, im objektiven Sinne schuldig geworden war, weil er die Gedanken der Nazis mitgedacht hat.

Fühmann hat sich im Kontext der DDR-Literatur lange die Rolle des „ratlosen Hitlersoldaten“ reserviert; aber die neue Sammlung von Essays aus zwölf Jahren, „Erfahrungen und Widersprüche“, zeigt deutlich, daß er die traditionelle Rolle nicht mehr fraglos weiterspielt und jetzt genauer wissen will, wie Wandlungen so abrupter Art, wie er sie erfahren hat, Einblicke in die Konflikte des Ich in Natur und Gesellschaft eröffnen: Er blickt vom Politischen ins Anthropologische. Ich glaube, wir haben die intellektuelle Energie dieses rigorosen Moralisten, der so lange nichts anderes sein wollte als ein regelrechter Konformist, allzu gering geachtet; hier signalisiert er uns eine neue Erkenntnisstufe, die sich mit einfachen Gegensätzen oder gar amtlich empfohlenen Denk- und Schreibweisen nicht mehr zufriedengeben will. Zum ersten Male in seinem Leben sagt Fühmann wirklich „Ich“ und straft sich nicht gleich dafür. In seinem offenen Brief an den Minister für Kultur sagt er ganz unverblümt, der „Bitterfelder Weg“ entspreche eigentlich gar nicht seiner individuellen Natur, und überhaupt sei es falsch, von der Literatur politische Dienstleistungen zu verlangen und die Phantasie, die literarische Qualität und das Unvorhergesehene zu mißachten. (Pflichtlektüre für Praktikanten im Werkkreis Literatur?)

Als entschiedener Moralist, immerfort Gerichtstag haltend über sich selbst wie Peter Weiss, war auch Fühmann ein Manichäer ohne Gott und Teufel, fühlend und denkend in gespannten Polaritäten und lange Unwillens, das Relative, Halbe, Graue und Wiederholbare des Alltags zu sehen oder gar darüber zu schreiben. Es war immer alles auf die Spitze und zu schicksalsträchtigen Konfrontationen fortgetrieben, der griechische Koch (des Bündnisses mit den Partisanen verdächtigt) und die Landser; oder, in der gleichen Erzählsammlung „Elite“, der klardenkende Professor, der sich aus Verzweiflung über seine Nazi-Lügen erschießt. Die klassische Form der Novelle, die Fühmann konsequent erneuerte, verdeckte nur mühsam, daß der Lyriker die Welt, als geschichtlichen Prozeß, in dramatischen Situationen begriff; und selbst das Märchen, das er sich als letztes Reservat der Phantasie aus seiner Knabenzeit gerettet hat, bedurfte einer besonderen Legitimation (Ernst Bloch folgend): das „Einst des Kommenden“, in welchem das absolute Gute triumphiert.