Von Johannes Schenk

Ich sterb vor dem Feuerloch. Aber ihr erlebt’s nicht. Ihr nicht. Ihr habt nicht soviel Zeit wie ich." Der das sagt, ist Heizer auf dem Flußschlepper "Dwina", der die Elbe rauf und wieder runter fährt. Der das sagt, heißt Stokerjule und gehört zum Inventar des Dampfers.

Die Geschichte zeigt, daß der Autor selber schon vor den Dampfkesseln und auf einem dieser Schiffe gefahren ist, die von Land aus immer so idyllisch dahin zu ziehen scheinen, so behäbig, breit, langsam und romantisch in den breiteren und schmaleren Flüssen, Kanälen, Niederungen, Schleusen und was es sonst noch alles so gibt in der Binnenschiffahrt. Ich, der das Buch rezensieren soll, kenne die Sehnsüchte der Menschen, die an einem solchen Ufer stehen, ich kenne sie, anders als Müller, von den großen Seehäfen her und den Frachtdampfern, die nach Rotterdam, Dakar oder Guayaquil fahren. Nur, die Arbeit, die Schinderei, das sich Abplackenmüssen in der Maschine oder an Deck, die sieht jener Besucher, jener Am-Ufer-Steher nicht so leicht. Da müßte er entweder selber fahren oder aber ein Buch lesen, zum Beispiel das "Totenschiff" von Traven oder auch dieses –

Wolf gang Müller: "Flußgeschichten"; Autoren Edition, C. Bertelsmann Verlag, München, 1976; 192 S., 19,80 DM.

In beiden Büchern fahren die Hauptfiguren auf "schweren" Schiffen, schwer, weil schwer gearbeitet werden muß. Nur: bei Müller, 1941 in Waren/Müritz (DDR) geboren, sind es Schlepper auf einem Fluß, in einem Land, das mit Mühe auf dem Weg zum Kommunismus ist; bei Traven ist es der paßlose Tramp, angeheuert auf einem Schiff, wo du hineingehst und nicht mehr herauskommst. Ausgeliefert anonymen Behörden, die deine Existenz einfach leugnen, ausgeliefert Kapitänen, die es nicht schert, ob der Arm eines Heizers verbrennt, weil die Rosten so kaputt sind, daß sie ständig wieder neu eingerichtet werden müssen in den Feuerlöchern.

Womit ich bei diesen sehr sinnlich und auch genau geschriebenen Flußgeschichten schon bei dem bin, was mir fehlt. Stokerjule, der beste Heizer, weil er die Tricks kennt und sein Leben lang gearbeitet hat, stirbt am Ende der Geschichte: "In der Wache schickte er den zweiten Mann für eine Stunde weg, weil der noch packen mußte für Zuhause. ‚Deinen Kessel, den mach ich so nebenbei noch mit, hau ab.‘ Und er riß drei Feuer hintereinander, ohne Pause zu machen, wie immer. Zog die Asche aus den weißglühenden Buchsen, trimmte Kohle, schippte Schlacke und trieb dabei noch den Dampfdruck hoch. Beim letzten Feuer brachte er das Geschirr nicht durch die Tür, weil er sie plötzlich zehnfach sah und dann gar nicht mehr. Als der Maschinist in den Heizraum kam, weil der Dampfer kaum noch Fahrt machte, sah er Jule auf dem Kohlehaufen liegen, neben der offenen Feuertür. Die eine Hand am Griff des schweren Schlackenbrechers, die andere über der Brust. Er hatte bequem gelegen, als er starb."

Es fehlt mir nämlich zum Beispiel eine Figur, die sich gegen die Schinderei auflehnt, die mal was sagt gegen dies unaufhörliche Arbeiten. Ich als Leser, der sich das alles vorstellen kann, weil er aus einem ähnlichen Fach kommt, kann es mir denken, kann mir die Auflehnung dazu denken; Müller aber schreibt sie nicht, oder selten. Hier sind Heizer, Kapitäne, Schleppermatrosen, deren Dramen sich aus dem Wettbewerb untereinander entwickeln. Da legt sich Schlepperkapitän Otto Scheidel mit anderen Schleppern an, da wird um die Wette gefahren, daß "die Räder wirbelten die Schaufelräder der Dampfer nämlich.