Ein Kniefall, eine Umarmung und tränenvolle Rührung zweier hochbetagter Männer, die beide gramvoll auf ihre Kirche schauen, um deren Schicksal in der modernen Welt sie bangen: Das war am vergangenen Wochenende in Castel Gandolfo der vorläufige Höhepunkt, doch keineswegs der Schlußpunkt im Konflikt zwischen dem 79jährigen Papst Paul VI. und dem 71jährigen französischen Bischof Marcel Lefebvre.

Wie das bei allen "Canossa-Gängen" der Kirchengeschichte zu sein pflegt, sind sich auch diesmal die Beobachter nicht einig, wer da der eigentliche Gewinner war oder sein wird – der aufsässige Bischof, der durch seinen scheinbaren oder wirklichen Bußgang den totalen Bannstrahl zunächst aufgehalten hat, oder der römischen Pontifex, der die Achtung eines "Ketzers" vor seiner päpstlichen Autorität durch einen Akt menschlichen Entgegenkommens halbwegs rettete.

"Ich habe mich beim Heiligen Vater entschuldigt", sagte Lefebvre nach der Audienz, ohne eine Spur von Zerknirschung zu zeigen. Wofür entschuldigt? Daß er den Papst des Komplotts mit Freimaurern, Kommunisten und anderen "finsteren Kräften" verdächtigt hat? Daß er die lateinische Messe als Kampfsymbol gegen alle Konzilsreformen in der katholischen Kirche kultiviert? Daß er dem Papst den Gehorsam rundweg verweigert hat?

Nichts davon trifft zu. Lefebvre hat dem Papst nur versichert – und dies ist durchaus glaubhaft, cenn er ist kein unfreundlicher Mensch – wie leid es ihm tue, daß er dem Papst "solchen Schmerz verursacht hat". Dies und nicht mehr stand denn auch in jenem ominösen Brief, durch den sich Lefebvre zur allgemeinen Überraschung die Tür zur Begegnung mit dem tief verstimmten und verstörten Paul VI. geöffnet hat.

Ein Pius XII. hätte ihm die Tür gewiesen oder handfesten Widerruf verlangt. Pius XI. gar hätte den Rebellen in klösterliche Verbannung geschickt (wie er es mit dem französischen Kardinal Billot 1927 tat). Heute, im Zeitalter des Dialogs, der ökumenischen, interkonfessionellen Begegnungen, ja des Gesprächs mit Ungläubigen können auch jene, die derlei Öffnung für Teufelswerk halten, auf ein gewisses Maß von Toleranz im Vatikan rechnen. Freilich nur bis zu jener Grenze, die das Selbstverständnis der Papstkirche setzt – und dies ist nun einmal nicht demokratisch.

So ist der Papst im Gespräch mit Lefebvre so wenig wie dieser in der Sache auch nur einen Schritt zurückgewichen. Er hat den eigensinnigen Bischof aufgefordert, über den Schaden nachzudenken, den er in der Kirche angerichtet habe – so lautete ein trockenes vatikanisches Kommuniqué.

Lefebvre jedoch, wohl dirigiert von jenen, die ihn zur Gallionsfigur nicht nur kirchlicher, sondern politisch-konservativer Interessen gemacht haben, gibt sich jetzt gleichwohl ermutigt. Denn – so heißt es in seiner Umgebung – fühlt sich die römische Kurie letztlich nicht doch mehr ihrer beharrenden Tradition als der – meist nach links abgleitenden – Erneuerung verbunden? Hat der Papst etwa den kommunistenfreundlichen Ex-Abt Franzoni empfangen?

Tatsächlich haben bis vor kurzem die "sozialistischen" Katholiken, die linken Basis-Gemeinden, die katholischen Abgeordneten in der KPI und Fälle wie der Franzonis dem Papst sehr viel größeres Kopfzerbrechen bereitet als die katholisch-konservative Reaktion in aller Welt. Die Kurienprälaten – noch immer in der Mehrheit Italiener – pflegen nämlich vor allem auf das zu blicken, was unmittelbar vor der eigenen Haustür geschieht. Der Fall Lefebvre hat ihnen deutlich gemacht, daß geographische Entfernungen Gefahren nur scheinbar kleiner machen. Hansjakob Stehle