Vom Aktienmarkt haben sich die Käufer völlig zurückgezogen. Nicht einmal mehr aus dem Ausland melden sich Interessenten für deutsche Papiere. Von den Umsätzen auf diesem Markt lohnt es sich kaum noch zu sprechen. Entschuldigungen für die verbreitete Geschäftslosigkeit gibt es viele. Wer an der Oberfläche bleibt, führt die Bundestagswahlen vom 3. Oktober an. Unabhängig von ihrem Ausgang werden sie sicherlich mehr Klarheit über die wirtschaftlichen Fakten bringen. Ob die "Stunde der Wahrheit" dann für Aktienbesitzer erfreulich sein wird, steht auf einem anderen Blatt, ganz gleich, welche Regierung in den kommenden vier Jahren das Steuer halten wird.

Schon heute steht fest, daß die Konjunkturentwicklung 1977 noch differenzierter verlaufen wird als in diesem Jahr. Und das macht die Auswahl bei der Aktienanlage noch schwieriger.

Noch ist nicht klar, ob die Körperschaftsteuerreform der Aktie neue Freunde zuführen wird. Von der Theorie her sollte es so sein, weil sich die Renditen durch die Steuergutschrift erhöhen werden. Was andererseits Sorgen bereitet, ist die Diskriminierung der Ausländer. Die Mehrzahl von ihnen hat Von der Steuergutschrift keine Vorteile. Deshalb fühlen sich die Ausländer schlechter gestellt als inländische Aktionäre. Das könnte für den deutschen Aktienmarkt zu unangenehmen Konsequenzen führen. Die Furcht, daß die Ausländer sich dann aus ihren deutschen Papieren zurückziehen, ist nicht unbegründet. Deshalb drängen die Banken auf einen raschen Abschluß von Doppelbesteuerungsabkommen. Handeln wird die Regierung aber wohl erst nach den Wahlen.

Die Körperschaftsteuerreform wirft aber auch in anderer Hinsicht ihre Schatten voraus. Sie könnte bei dem Entschluß der Hansestadt Hamburg eine Rolle gespielt haben, ihre Dreiviertelmehrheit an der Hamburgische Elektricitäts-Werke AG (HEW) und ihr. noch größeres Paket an der Hamburger Hochbahn AG in eine Vermögensverwaltungsgesellschaft einzubringen. Der Staat selbst könnte die Steuergutschriften auf die HEW-Dividenden nicht in Anspruch nehmen, wohl aber seine Vermögensverwaltungsgesellschaft. Ob diese Maßnahme zudem der erste vorsichtige Schritt in Richtung auf eine Teilprivatisierung von Staatsbesitz ist, vermag niemand zu sagen. Vor den Wahlen wird das sicherlich mit Vehemenz abgestritten werden. Die letzten privaten Hochbahn-Aktionäre, bislang Nutznießer einer Dividendengarantie von fünf Prozent, erhalten ein Abfindungsangebot. K. W.