Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Fänden die amerikanischen Wahlen in dieser Woche statt, dann wäre Jimmy Carter der haushohe Sieger. Diese Behauptung stellt das den Republikanern zuneigende Wochenmagazin US News and World Report just zu einem Zeitpunkt auf, da Carters Sache überall im Lande zunehmend skeptischer beurteilt wird. Das Magazin hat untersucht, welchem der beiden Präsidentschaftskandidaten im Augenblick die Wahlmännerstimmen in den einzelnen Bundesstaaten zuneigen. Das ist deshalb von besonderem Interesse, weil der Präsident nicht bundesweit nach der Anzahl der Wählerstimmen gekürt wird. Es kommt vielmehr allein auf die Wahlmännerstimmen an, die ihm in den einzelnen Bundesstaaten zufallen. Der Kandidat, der in einem Staat die Mehrheit der Wahlmännerstimmen hat, bekommt sie alle. So will es das the winner takes all-System.

Nach US News and World Report bekäme Jimmy Carter heute 320 Wahlmännerstimmen – 50 mehr als für den Sieg erforderlich. Er liegt in 27 Bundesstaaten in Führung. Gerald Ford gewönne nur 60 Wahlmännerstimmen, weil er gegenwärtig nur in 10 von 50 Bundesstaaten einen Vorsprung hat. In dreizehn Staaten ließ sich eine Mehrheit nicht erkennen.

In den Vereinigten Staaten wird freilich erst am 2. November gewählt. Außerdem gelten Carter-Mehrheiten in einzelnen Bundesstaaten keineswegs als so gefestigt, daß Ford sie nicht an entscheidenden Stellen noch erschüttern könnte. Carter hat zwar zu Beginn des eigentlichen Wahlkampfes die Nase noch weit vom, aber der Ausgang des Rennens ist keineswegs entschieden.

Diese Feststellung wird von den Meinungsforschern unterstrichen. Sie haben ermittelt, daß Carters Popularitätsvorsprung von dreißig Punkten im Juni und Juli auf sechs bis zehn Punkte geschrumpft ist. Wie sich die Wählergunst weiterentwickelt, hängt weithin vom Verlauf der großen Fernseh-Duelle ab, deren erstes am 23. September stattfindet. Aber auch die wirtschaftliche Entwicklung und unvorhergesehene Ereignisse in der Außenpolitik könnten eine Rolle spielen. Fords Wahlkampfstrategie ist klar: Er setzt auf den Bonus seines hohen Amtes. Nicht länger zieht er als eifriger und bissiger Wahlkämpfer durch die Lande – wie in jenen Wochen, da er Ronald Reagan aus dem Feld schlagen mußte. Jimmy Carter nachzujagen, überläßt er seinem Vizepräsidentschaftskandidaten Dole.

Pünktlich und nach alter Tradition eröffnete der Senator am Tage nach dem Labor Day den Wahlkampf. Ford wirkte aus dem Weißen Haus. Mit überraschenden Budgetzuwendungen offenbarte er plötzlich sein Herz für Amerikas großartige Naturschutzparks. Mächtige Regierungsbehörden müssen nach dem von ihm verkündeten "Sonnenschein"-Gesetz ihre Entscheidungsabläufe für die Öffentlichkeit transparenter machen. Nach einem Gespräch mit den Spitzen der katholischen Geistlichkeit präzisierte er seine Haltung zur Abtreibung: Er kniff, indem er versprach, sich für einen Verfassungszusatz einzusetzen, der die Legalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung und neue gesetzliche Regelungen den einzelnen Bundesstaaten überläßt. Der Schachzug ist einleuchtend: Es geht um die Stimmen von 30 Millionen katholischer Wähler.