Von Wolfgang Hoffmann

Da hat sich de Biedenkopf ganz schön ein Eigentor vor de Latte geknallt, mein lieba Scholli – bei uns Arbeiter im Revier kanner sich jetzt aber nur noch de rote Karte abholen." Das glaubt jedenfalls ein Schlosser am Tresen in der Gaststätte "Zum Schoppen" in der Dortmunder österholzstraße, nur wenige Meter von der Hauptpforte der Hoesch AG, Werk Westfalenhütte. Es ist Freitagnachmittag, kurz vor Schichtwechsel im Stahlwerk. Wir sprechen über die Kontroverse zwischen Kurt Biedenkopf und den Gewerkschaften.

Ob Biedenkopf, Generalsekretär der CDU und deren Bundestagskandidat in Bochum, im Herzen des Kohlenpotts, tatsächlich ein Eigentor geschossen hat, wird sich erst nach dem 3. Oktober zeigen, wenn der General seine Stimmen zählen kann. Biedenkopf hat seinen persönlichen Wahlkampf damit eröffnet, daß er massive Vorwürfe an die Adresse einzelner Gewerkschafter richtete. Er sprach von politischer Verfilzung mit der SPD und der Unterdrückung Andersdenkender. Über Hoesch hatte Biedenkopf in einer Dokumentation erklärt: "Jeder, der in diesem Werk eingestellt werden will, muß zunächst eine Runde mit dem Laufzettel machen. Neben dem Lohnbüro und anderen Stellen müssen auch der Betriebsrat und das Gewerkschaftsbüro im Betrieb einen Erledigungsvermerk vornehmen. Dieser Erledigungsvermerk wird nur nach dem Eintritt des Bewerbers in die IG Metall gegeben. Erst wenn alle zu durchlaufenden Stellen den Laufzettel abgezeichnet haben, wird der Betreffende im Unternehmen eingestellt."

"Da soll der Herr Professor mit sein Teddykopp sich seine Spruch mal hier bei Hoesch wiederhole – müßt’ er sich aber sein eigenen Werkschutz mitbringen, am besten auch die Knochen vorher numerieren", meint der Hoesch-Schlosser. Die Arbeiter hier am Tresen machen freilich nicht den Eindruck, als hätten Biedenkopfs Bemerkungen sie besonders betroffen. Man muß sie erst tüchtig anstoßen, ehe sie aus sich herausgehen.

Was ist nun wirklich dran an den Vorwürfen von Kurt Biedenkopf? Der Vorstandsvorsitzende von Hoesch, Günther Kettler, ursprünglich zu einem Gespräch an diesem Freitag bereit, hat den Termin dann doch wegen dringender anderer Geschäfte abgesagt. Sein Büro verweist an Dr. Vogel. Der hat schließlich auch einen eindrucksvollen Titel: Er ist bei Hoesch "Generalbevollmächtigter PR und Presse". Der Firmenfahrer, der mich zu Vogel ins Gästehaus von Hoesch fährt, auf meine Frage, ob man hier bei Hoesch nur als Gewerkschaftsmitglied einen Job bekommt: "Na, das weiß doch jeder."

Der Generalbevollmächtigte Vogel freilich hält das für lächerlich. Schließlich seien keineswegs alle Hoesch-Mitarbeiter organisiert. Das sei doch der beste Beweis dafür, daß Biedenkopfs Bemerkung nicht stimmen könne. Selbstverständlich werde jeder Neubewerber mit einem Laufzettel durch die zuständigen Büros im Betrieb hindurchgeschleust. Eine dieser Anlaufstellen ist der Betriebsrat, denn der muß laut Betriebsverfassungsgesetz der Einstellung zustimmen. Aber "es ist auch ganz klar, daß die Personalverwaltung nie auf jemanden verzichtet hat, weil er nicht in der Gewerkschaft gewesen wäre. Eine Einstellung, die aus betrieblichen Gründen notwendig ist, scheitert nicht daran, ob der Einzustellende der Gewerkschaft angehört oder nicht, es sei denn, daß Bedenken bestehen, die in der Person des Einzustellenden liegen." Die Sache mit dem Gewerkschaftsbüro ist nach Vogels Darstellung auch falsch. Früher hat es das einmal gegeben, gewiß. Schließlich haben sich die Arbeiter von Hoesch, gerade Betriebsräte und Gewerkschafter, nach dem Krieg, als der Vorstand eingesperrt war, um den Betrieb gekümmert und gegen die Demontage gekämpft. Zu jener Zeit sei das Gewerkschaftsbüro eingerichtet worden: "Es steht außer Frage, daß es das gegeben hat. Aber das Büro ist schon seit Jahren aufgelöst." Auch das von Biedenkopf an anderer Stelle seiner Dokumentation angeprangerte Verfahren, die Gewerkschaftsbeiträge im Lohnabzugsverfahren vom Betrieb kassieren zu lassen, gebe es seit langem nicht mehr.

Gespräche mit Arbeitern und dem Betriebsrat lassen indes vermuten, daß der Generalbevollmächtigte Vogel schon seit Jahren sein hochoben beim Vorstand angesiedeltes Büro nicht mehr verlassen hat – zumindest nicht, um sich im Betrieb umzusehen. Denn selbst kurzsichtige Besucher des Betriebsrates können das wegweisende Schild "Gewerkschaftsbüro" in der Westfalenhütte nicht übersehen.