Neunundzwanzig Sängerinnen und Sänger stehen zur Verfügung, wechselweise für die Haupt-, Neben- oder gar nur Chorrollen. Man arbeitet im Kollektiv, aber der wachsende Erfolg wird, wie Boris A. Pokrowskij fürchtet, auch in der Sowjetunion und auch in diesem Ensemble bald mit künstlerisch-sozialen Hierarchiebildungen bezahlt werden müssen. Der Chefregisseur des Bolshoi hat 1971 die Moskauer Kammeroper begründet, vorrangig, um den Absolventen der Musik- und Theaterakademien früh zu praktischer Bewährung zu verhelfen. Andererseits hofft Pokrowskij, in seinem winzigen Theaterchen ohne Orchestergraben und aufwendige Bühnentechnik, wo man dem Zuschauer sozusagen auf dem Schoß sitzt, einen eigenen Darstellungsstil entwickeln zu können, der durch Realitätsnähe, Orientierung am eigenen theater und komödiantische Spiellaune eine der umwundenere Kommunikation mit dem Publikum ermöglicht.

Das sympathische Understatement der Russen stieß im Theater der Freien Volksbühne auf erstaunlich viel Gegenliebe. Selbst der Regierende Bürgermeister erschien im Kreis eigens dazu geladener Chefredakteure und unterstrich noch durch einen (spartanischen) Senatsempfang die politische Bedeutung dieses ersten Auslandsgastspiels der Moskauer Kammeroper ausgerechnet (und obendrein auf eigenen Wunsch) in Westberlin. Aber auch das Gastspielprogramm war mit Bedacht gewählt und gab Auskunft über die drei programmatischen Schwerpunkte der Spielplanpolitik. Dimitrij Schostakowitschs schon 1930 in Leningrad uraufgeführte und dann erst einmal verbotene Gogol-Oper "Nos" ("Die Nase") steht ein für die Pflege der zeitgenössischen russischen Kammeroper. Entdeckungszüge durch die so reiche Geschichte des zaristischen Singspiels im 18. Jahrhundert fördern zweihundert Jahre nach seiner Petersburger Premiere Wassilij Paskewitschs "Der Geizige" (nach Molière) zutage. Und die "wertvolle" Klassik Westeuropas vertrat, in einer zauberhaften und zudem auf Initiative der Sänger deutsch einstudierten Aufführung, W. A. Mozarts "Schauspieldirektor".

Der Informationswert dieses Gastspiels ist freilich vorerst noch ein wenig höher zu veranschlagen als der rein künstlerische Wert. Aber während Paskewitschs "Geiziger" in Juri; Jerschows verfremdet-historisierenden Inszenierungen doch, wenn schon köstliche Musiktheater-Archäologie blieb, Schostakowitschs "Nase" hätte ohne Zweifel einen Stammplatz auch in unseren Repertoires verdient. In ihrer ebenso lapidaren wie prägnanten Charakterisierung satirischer Figuren und Situationen ist das brillante Theatermusik, ironisch funkelnd zumal im raffiniert instrumentierten Orchester, unter Gennady Theatermusik, skijs auffallend engagierter Leitung eine Delikatesse musikalischen Kammerspiels. Vor Werner Egks nur nach Jahren jüngerem "Revisor" jedenfalls muß diese "Nase" sich nicht verstecken. Was jetzt auch überprüft werden kann an Hand der rechtzeitig zum Gastspiel bei eurodisc erschienenen Gesamteinspielung der Moskauer Produktion.

Die Aufführung dann überrumpelte nachgerade in ihrem vorbildlichen Ensemble-Geist. Ihm verdankt die von Routine noch nicht bedrohte junge Truppe ihren besonderen kraftvollen, mitunter sogar etwas derben Stil. Und der wiederum macht die geistreich pointierte und wirklich liebevoll durchgezeichnete Inszenierung von Boris A. Pokrowskij so sehenswert. Dabei ist der Aufwand an Dekorationen und Requisiten denkbar gering. Bänke links und rechts vom Bühnenpodium für die Sänger, dahinter aufgereiht die überaus schönen Kostüme, Verwandlungen nur mit Licht und wenigen Holzwürfeln. Aber die Darsteller, spielerisch schon mehr überzeugend als stimmlich, wissen die beinahe leere Einheits- und Simultanbühne zu beinahe Je zum Auftritt erst in Kostüm und Rolle schlüpfend, ein Hinweis auf die Austauschbarkeit der Handlungsträger, geben sie dem Gogolschen Typen-Arsenal, einer kleinen Soziologie aus dem alten Rußland, eine komödiantische Statur, deren realistischen Groteskgestus die Inszenierung in den bewegten Ensembles choreographisch effektvoll stilisiert.

Ästhetische Ambition scheint da kaum am Werk. Die Moskauer Kammeroper interessiert ganz offensichtlich eine originelle Szenendeutung der Stücke weniger als die Vermittlung dieser Stücke an noch opernunerfahrene Bevölkerungskreise. Die beinahe schon schnoddrige Selbstverständlichkeit ihres Auftretens garantiert den popularischen Erfolg. Auch und vielleicht namentlich bei den Arbeitern und Bauern der entlegeneren Sowjetrepubliken, die regelmäßig bereist werden. Wenn also dieses Gastspiel eines lehrt, dann daß es durchaus möglich ist, mit entsprechend ausgebildeten Hochschulabgängern ein professionelles Musiktheater zu betreiben und dabei sogar einen eigenen Stil zu entwickeln. Wo bleibt eine ähnliche Kammeroper in Berlin, Hamburg oder München? Dietrich Steinbeck