Von Dieter E. Zimmer

Er war neunundzwanzig Jahre alt, hatte sein Heimatland Kolumbien und überhaupt Lateinamerika fürs erste hinter sich gelassen, lebte und hungerte in Paris – und langsam nahm in seinem Kopf sein prototypisches, sein in so vielen kurzen und langen späteren Epen geschildertes südamerikanisches Dorf Gestalt an. Er hatte die introspektiven Anfänge seiner literarischen Arbeit hinter sich und die ihm später spezifische Phantastik, die die Realität nicht verwischt und vernebelt, sondern durch Übersteigerungen kenntlicher macht, noch nicht für sich entdeckt (ihre Möglichkeiten waren in den beiden schmalen Büchern, die das Gesamtwerk des Mexikaners Juan Rulfo ausmachen und großen Einfluß auf die Entwicklung der neuen lateinamerikanischen Literatur, ganz besonders auf García Márquez, ausüben sollten, gerade sichtbar geworden). Er befand sich, wie die Literaturordner sagen werden, in seiner "realistischen Phase"; ihr Hauptwerk sollte 1962 der Roman "La mala hora" (Unglücksstunde) werden. Jetzt, 1957, entstand eine seiner knappsten und konzentriertesten und trotz ihrem lakonischen Realismus tiefsinnigsten Arbeiten –

Gabriel García Márquez: "Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt" (Originaltitel: "El coronel no tiene quien le escriba", 1957), aus dem Spanischen und mit einem Nachwort von Curt Meyer-Clason; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 126 S., 18,– DM.

Ein Dorf in einem Land wie Kolumbien, nahe des karibischen Meeres, mit der Außenwelt durch Reitpfade Und einen schiffbaren Fluß verbunden: nach einem von unzähligen Bürgerkriegen herrscht wieder einmal Ausnahmezustand, der hier indessen der gewohnte Normalzustand ist; aus den Zeitungen sind alle Meldungen über innenpolitische Ereignisse verschwunden; die Nachrichten werden in geheimen Flugschriften verbreitet; es kommt vor, daß die Vertreter der Staatsgewalt die Verbreiter dieser subversiven Wahrheiten ohne Umstände und ohne sich irgendwie zu kaschieren, ja geradezu ostentativ mit ihren Kugeln durchlöchern, zum Beispiel bei Hahnenkämpfen, diesem Volkssport, der die Grausamkeit des Lebens in dieser Region noch einmal spielerisch reflektiert und den Armen und Ärmsten die Hoffnung eingibt, durch glückliche Wetten ihrem Elend zeitweise zu entrinnen. Neben der Obrigkeit, die tötet und Nachrichten unterdrückt und Ausgangssperren verhängt, gibt es eine zweite: den Priester, der gleichzeitig der lokale Filmzensor ist, wenn er abends vor der Vorstellung durch die Zahl der Glockenschläge verkündet, ob ein Film einwandfrei genug ist, um von gläubigen Christen besucht zu werden (seit einiger Zeit laufen nur noch verbotene Filme).

In diesem elend und geduckt und terrorisiert dahinlebenden namenlosen Dorf wohnt (um 1956) der Oberst, den der Titel nennt. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt. Mit zwanzig Jahren hat er in einem Bürgerkrieg gekämpft, um die Republik zu verteidigen. Er gehörte zur verlierenden Partei, lieferte die Kriegskasse indessen intakt aus. Ihm wie seinen Kameraden wurde eine Pension versprochen. Die meisten von ihnen starben in ihrer Erwartung. Seit über fünfzig Jahren wartet er, der zäher ist, vergeblich auf sie. Seinen Besitz hat er nach und nach verkauft. Die Arbeit seiner Frau verhinderte, daß beide verhungerten; aber jetzt wird die Frau immer kranker. Vor nicht langer Zeit wurde bei einem Hahnenkampf der einzige Sohn des Obersten erschossen, weil er Geheimflugschriften zirkulieren ließ. Die Hinterlassenschaft des Sohnes besteht in einem Kampfhahn. Und die Situation des Obersten ist so kritisch, daß er vor der Wahl steht, entweder auch noch den Hahn zu verkaufen oder mitsamt seiner Frau selber zu verhungern. Wie seit Jahren geht er jeden Freitag, wenn die Postbarkassen eingetroffen sind, aufs Postamt, um zu sehen, ob sein Pensionsbescheid nicht doch noch gekommen ist. Aber es gibt keinen Brief für den Obersten. Die Regierung hat ihn vergessen. Der Oberst hat niemanden, der ihm schreiben könnte.

Fast verkauft er den Hahn. Dann erlebt er die lebendige Kampfbereitschaft des Tieres; erlebt, wie ihn die Jugend des Dorfes quasi als ihr Eigentum betrachtet. Danach wird er ihn nicht mehr verkaufen, und wenn ihm seine Frau noch so sehr zusetzt: "‚Sag, was essen wir?‘ Der Oberst hatte fünfundsiebzig Jahre seines Lebens, Minute für Minute gebraucht, um diesen Augenblick zu erreichen. Er fühlte sich rein, unbedingt und unbesiegbar in der Sekunde, als er antwortete: "‚Scheiße.‘" Fünfundsiebzig kümmerliche und harte Jahre damit zu verbringen, vergebens auf sein Recht zu warten, um am Ende bereit zu sein, Scheiße zu essen, und dies dann als den größten Triumph des Lebens anzusehen: darin besteht das Teil des Obersten.

Man sagt, es sei in Lateinamerika schwer, Übertreibungen zu erfinden, weil die Wirklichkeit selber zu Übertreibungen neige, die die fiktiven verblassen lasse. So kafkaesk sie anmutet, mag auch die Rechnung gar nicht übertrieben sein, die der schwarze Anwalt dem Obersten aufmacht, als der sich einmal nach den Gründen für die Verzögerung seines Pensionsbescheids erkundigt und die ganze Prozedur von einem anderen Anwalt wiederholen lassen möchte: " ,Aber diese Dokumente sind durch Tausende und Abertausende von Händen in Tausenden und Abertausenden von Kanzleiräumen gegangen, bis sie in wer weiß welcher Abteilung des Kriegsministeriums gelandet sind.’ ‚Dokumente dieser Art können von keinem Beamten übersehen werden sagte der Oberst. ‚Aber in den letzten fünfzehn Jahren haben die Beamten mehrmals gewechselt erläuterte der Anwalt. bedenken Sie, daß wir sieben Präsidenten gehabt haben und daß jeder Präsident zumindest zehnmal sein Kabinett gewechselt und daß jeder Minister zumindest hundertmal seine Beamten gewechselt hat.‘ ‚Aber keiner hat doch die Dokumente mit nach Hause genommen‘, sagte der Oberst. Jeder neue Beamte wird sie an ihrem Platz vorgefunden haben.‘ Der Anwalt geriet aus der Fassung. ‚Überdies, wenn diese Papiere jetzt das Ministerium verlassen, müssen sie den ganzen Instanzengang von neuem durchlaufen.‘ ,Macht nichts‘, sagte der Oberst. ‚Es wird Jahrhunderte dauern.‘ ‚Macht nichts, wer viel erwartet, dem wird das Warten nicht lang.‘"