Von Ulrich Schmidt

Die Damen und Herren sind versammelt wie zu einem Kongreß. Man sitzt in einem vornehmen Saal an langen Tischen mit Front zum Redner. Doch dieser paßt nicht so recht ins Bild: Ein Mann aus dem Volk, untersetzt, großkariertes Freizeithemd, vom Fließband redend wie ein Frankfurter Fleckenmittel-Propagandist: "Von süschtisch wolle mehr gar net rede – denn da wem jetzt nemmlich schonn längst e paar rausgesaust un hättn sisch enne ins Hälssche geschteckt." Gemeint ist: eine Zigarette angezündet.

Dieser Mann aus dem Volk ist eigentlich Chefarzt einer Herz- und Kreislaufklinik nebenan. Aber im Augenblick verkauft er gerade seinen Zuhörern hier im Kurhaussaal von Bad Nauheim ein Überlebensrezept, mit dem man obendrein noch in Zehn Jahren 10 000 Mark sparen kann. Der Preis für dieses Rezept ist lächerlich gering, und außerdem zahlt ihn die Krankenkasse. Bad Nauheim ist der erste deutsche Kurort, der außer der Behandlung von Herzkranken auch die Vorbeugung durch Nichtraucher-Training anbietet. Bad Soden im Taunus ist inzwischen diesem Beispiel gefolgt, und andere Bäder bereiten ähnliches vor.

Einige Minuten später: Die Damen und Herren sitzen auf ihren Stühlen in lässiger Haltung, mit geschlossenen Augen und schlaffen Armen und lauschen dem Redner, der jetzt nur noch ganz langsam und beschwörend redet, etwa wie ein Würzburger Exorzist: "Wir sind gaaaanz ruhig – Arme gaaaanz schwer – Zigarette waaaiit weg –" Und das wirkt. Von den 7000 Rauchern, denen der Internist Dr. Oscar Hammer das Rauchen autogen wegtrainiert hat, haben 56 Prozent nicht mehr geraucht.

Noch einige Minuten später: Die Damen und Herren, inzwischen wieder munter, machen auf der Terrasse – zur Musik von Max Greger (der auch zu den 56 Prozent gehört) – Gymnastik nach einem "600-Sekunden-Fitneß-Programm". Anschließend läßt Oscar Hammer den Puls fühlen, ob er nicht schneller, aber auch nicht langsamer geht als 170 pro Minute minus Lebensjahre. Die Übung hat zweierlei Nutzen: Erstens kann das durch das Rauchen ruinierte Geäder durch die systematische Körperanstrengung zumindest halbwegs wieder in Ordnung kommen. Und zweitens empfiehlt Hammer: Wenn man ein Verlangen nach einer Zigarette spürt, soll man "einfach mal diesen machen" – dabei hüpft er von einem Bein aufs andere, den "Hammerschen Waldlauf am Fenster" andeutend. Statt Rauchen zwei Minuten Kreislauf ankurbeln! Und danach? Während der nächsten Stunde nicht rauchen! Denn sonst würde man ja "die schöne Durchblutung stoppen".

Die meisten Erfolge hat der Nikotin-Exorzist Oscar Hammer mit dem autogenen Training. Dazu hält er aber noch ein ganzes Arsenal von zusätzlichen Hilfen bereit, aus dem sich die Teilnehmer heraussuchen können, was ihnen am besten liegt: Information in Text und Bild, Entspannungstechnik, Ernährungstips, Ersatzgenüsse, Schallplatten-Suggestion, Kneipptherapie, Ermutigung durch die Gruppe, Einzelberatung in der Raucherambulanz.

Vom Vorführen schockierender Filme ist Hammer wieder abgekommen. Einmal sah er, wie einige Teilnehmer nach der Vorführung hinausstürzten. Für immer geheilt, glaubte er. Später erfuhr er, daß sie sich zur Beruhigung eine angesteckt hatten.