Von Rolf Michaelis

Max Frisch? Den kennen wir doch. Ist das nicht der von "Stiller" und "Andorra", von "Gantenbein" und "Montauk"? Und der kriegt am 19. September den "Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels"? Na, warum nicht?

Zu fragen ist: Warum kriegt Max Frisch gerade diesen Preis? Die Trophäenwand des am 15. Mai 1911 in Zürich geborenen Schriftstellers und gelernten Architekten ist mit Büchner-, Schiller-Gedächtnis-, Jerusalemer Friedens-, Schweizerischem Schiller-Stiftungs- und Nordrhein-Westfälischem Kunst-Preis (um nur die wichtigsten zu nennen) ja schon ansehnlich bestückt. Haben Kritiker recht, die ihre Stirn in Falten legen und nörgeln: "Eine kühne Wahl ist das nicht"?

Der Satz ist zu lesen in jener Frankfurter Zeitung, die für das Kühne sonst nicht so sehr ist, die zwar gern "das Private" verteidigt, aber keine Scheu hat, die Nase zu rümpfen, weil Frisch "das anmaßend Private" zum Gegenstand des Nachdenkens und literarischer Gestaltung macht. Wenn man liest, wie sich jenes Journal der durchaus gehobenen Schicht lustig, macht über den "Lieblingsschriftsteller jener gehobenen, schönen Schicht, die sich den Luxus erlaubt, neben frustrierender Leistungsarbeit auch den Problemen der Seele selbstmörderisch und naiv nachzugehen" und die sich darüber mokiert, daß Max Frisch, "wo er das Allgemeine berührt, allzu leicht banal wird", dann möchte man dem Preisträger auf seinem Gang in die Frankfurter Paulskirche zurufen: Max, bleib banal.

Hier sollen der radikale Literat ("Tagebuch I" und "II", "Montauk") und der soziale Demokrat Max Frisch ("Wilhelm Teil für die Schule", "Dienstbüchlein", "So wie jetzt geht es nicht", "Rede zum Zürcher Debakel") nicht auseinanderdividiert werden. Aber auf dem Büttenpapier, das Max Frisch am kommenden Sonntag im ältesten Parlamentsgebäude Deutschlands in die Hand gedrückt wird, steht nicht das von einer Profitgesellschaft belächelte Wort Literatur, sondern das viel utopischere: Friede. Frisch aber einen "Friedens"-Preis zu geben ist – kühn. Die (leider stets) einschläfernden Begründungen der Jury auf dem Preis-Papier sollen uns nicht stören. Aber nach ein paar Wochen Lektüre in den zwölf Bänden der zum fünfundsechzigsten Geburtstag Frischs erschienenen Werkausgabe kann man sagen: den "Friedens"-Preis erhält dieser Bürger-Schriftsteller zu Recht.

Unter all den (un-)tauglichen Spielregeln, Schriftsteller in Schubladen zu sortieren, gibt es eine, die danach fragt, wie sich alternde Autoren verhalten. Neben den Ohrenstuhl-Heroen, denen sich im Blick auf Strickstrumpf oder Tabakspfeife Vergangenheit verklärt, gibt es Schreibtischtäter, welche die rascher verrinnende Zeit verstehen als Aufforderung zu immer größerer Genauigkeit, Ehrlichkeit. Je älter sie werden an Jahren, desto jünger werden sie in dem, was sie schreiben. Theodor Fontane war so und Bertrand Russell und Margret Boveri. Und so ist Max Frisch. Man lese sein "Tagebuch 1966–1971", man lese "Montauk".

Eine Überraschung – übrigens auch für Max Frisch selber, dem viele jugendliche "Gelegenheitsarbeiten" erst jetzt wieder unter die Augen kamen – ist die Ausgabe der "Gesammelten Werke in zeitlicher Folge": Jetzt zeigt sich, wie treu dieser Autor sich selber geblieben ist – aller Unruhe des äußeren Lebenslaufes, aller Unsicherheit der literarischen Entwicklung zum Trotz. "Was bin ich?" – die Frage, die über allen Werken des Schweizers stehen könnte, liest man schon über dem zweiten Stück dieser Werkausgabe. (Von solider Schweizer Gesinnung zeugt die redaktionelle Vorbemerkung, als der selbstinquisitorische Text 1948 im "Schweizerspiegel" zum erstenmal veröffentlicht wurde: "Der Beitrag lag seit 1932 auf unsrer Redaktion. Schon damals hatten wir die Absicht, ihn erst zu publizieren, wenn der Autor sich einen Namen gemacht habe.") In dieser Selbstbefragung, in der ein Einundzwanzigjähriger, der nach dem Tod des Vaters das Germanistikstudium aufgeben mußte, der ein Leben als "freier" Schriftsteller versuchte, ehe er sich 1936 doch zum Studium der Architektur entschloß, seine Zweifel ausspricht: "Was bist du eigentlich, Max? Wozu taugst du denn, Max? Kann man dich überhaupt brauchen auf dieser Welt, Max?" – findet sich die selbstgewisse Überzeugung des eine Stellung suchenden, arbeitslosen Skribenten: "Auch wenn sie mich so irgendwo brauchen könnten, ginge es nicht; greulich diese Büros. Fische bilden sich nicht ein, edlere Geschöpfe zu sein als Kaninchen; aber wenn man einen Fisch in den Kaninchenstall setzt, geht er eben kaputt."