Von Elke Kummer

Emanzipation als Trauerarbeit: Eine Dreißigjährige, aufgewachsen in privilegierter Situation, macht Anstrengungen, sich aus den Abhängigkeiten ihrer sozialen Herkunft zu lösen und sich in neue gesellschaftliche Bindungen einzugewöhnen. Von der Schwierigkeit, adliger Abstammung und großbürgerlicher Familientradition mit linkem politischen Bewußtsein zu begegnen, handelt das erste Buch von –

Elisabeth Plessen: "Mitteilung an den Adel", Roman; Benziger Verlag, Zürich/Köln, 1976; 259 S., 28,80 DM.

Das Buch scheint nicht frei zu sein von autobiographischen Erfahrungen: Die Autorin ist etwa so alt wie ihre Ich-Erzählerin Augusta, eine Journalistin, die in München ein unabhängiges Leben führt, das mit der Überschrift des ersten Kapitels "Unter dem Glassturz" bildhaft umschrieben ist. Die Nachricht vom plötzlichen Tod des erst sechsundfünfzigjährigen Vaters nimmt sie zunächst "beinahe wie eine Wasserstandsmeldung" entgegen: "Weil sie seinen Tod so oft erfunden und mit dieser Erfindung gelebt hatte, kam ihr die wirkliche Nachricht von seinem wirklichen Tod unwirklich vor." Fast automatisch sagt sie zu, zur Beerdigung zu kommen; aber plötzlich unterwegs befällt sie eine Furcht vor dem, "was an Anschuldigungen in Einhaus auf sie wartete".

Einhaus: das ist der Ort der alten Abhängigkeiten, der Familiensitz, die Bindung, der sie sich entziehen wollte. Während der langen Fahrt – dies ist die Erzählzeit des Romans – über die Autobahnen zwischen München und dem im Ostholsteinischen gelegenen väterlichen Gut – steigt, je näher dem Orte desto mehr, Vergangenheit auf. Das übermächtige Bild des Vaters wird erneut lebendig und die letzte heftige Auseinandersetzung mit ihm im Juni des vergangenen Jahres. Der Vater hatte am ganzen Leib gezittert und sie angeschrien: "Wenn du mit deinen Genossen kommst, stehe ich in der Tür und schieße euch über den Haufen! Dich zuerst!" Das war der Bruch. Jetzt, als sie die Stimme in Gedanken wiederhört, fragt sie sich schmerzlich: "Warum haben wir uns so schlecht gestanden?... Ich habe dich nur tot gewünscht, wenn ich am Ende war. Ich dachte, dann wäre ich frei. Jetzt bist du tot, aber es erleichtert mich nicht."

Mit seinem Tod ist der Vater nicht aus der Welt. Sein herrischer Einfluß auf die Tochter hat sich längst zu einem Komplex in ihr ausgewachsen. Sie ist mit der Drohung und der Leere des Elternhauses nicht fertiggeworden. Die neuen Bindungen – an den Freund, einen jungen Münchner Anwalt, an die linke Bewegung – wirken noch schwach, und ihre Probleme kommen der neuen Umgebung exotisch vor.

Wer ist auch schon mit einer solchen Vergangenheit geschlagen: Zum Elternhaus gehörten dreitausend Morgen Land, in seinen vierzig Zimmern wohnten nur vier Menschen. Der Vater, der sich ein Leben und Einstellungen leisten konnte "beinahe wie ein Herr des achtzehnten Jahrhunderts", verkörperte Macht und Produktivität dieser in sich geschlossenen Welt. Die Tochter, im Berlin der Sit-ins und der Vorlesungsstreiks, der Demonstrationen und Wohngemeinschaften mit einer weniger heilen, Welt konfrontiert, verstörte es, wenn sie angesehen wurde "wie ein exotisches Tier, der Zoopsychologie der Klassen entlaufen". Als sie sich 1968 der Studentenbewegung anschließt, entwickelt sie "Hemmungen, die Tochter eines Großgrundbesitzers, Schloßbesitzers, eines Junkers zu sein", hatte "dazu die Qual der Anrede... Comtesse, Fräulein von, Frau von, Gräfin P., Gräfin ..."