Nach Mao Tse-tung gibt es in der Volksrepublik China keine Schiedsinstanz mehr

Von Karl-Heinz Janßen

Vollends aber erscheinen uns groß", schreibt Jacob Burckhardt in seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen, "diejenigen, welche Kulturvölker aus einem älteren Zustand in einen neuen überführen." Der Revolutionsausschuß der nordwestchinesischen Provinz Tsinghai meinte dasselbe, als er den Tod des Großen Steuermanns in Peking mit blumigen Worten beklagte: "Selbst wenn wir die Bäume unserer Wälder als Federkiele und das Wasser aus dem Tschinghai als Tinte benutzten, wären wir doch nicht imstande zu beschreiben, was wir dem Vorsitzenden Mao an Dank schulden." Freund und Feind (die Erzfeinde auf Taiwan ausgenommen) neigen sich vor der Größe Mao Tse-tungs oder doch vor der Größe des Landes, das er aus dem Mittelalter ins Atomzeitalter geführt hat.

Maos staatsmännische Leistungen, denen dieser Sprung von einer Kulturstufe zur anderen zu danken ist, kann niemand bestreiten. Mao hat ein Viertel der Menschheit von Hunger und Seuchen, von Armut, Aberglauben und Analphabetismus erlöst, er hat den Gelben Fluß gezähmt, hat Berge und Wüsten in Gärten verwandelt. Damit reihte er sich ein in die stolze Tradition der chinesischen Heldenkaiser und Reichsgründer, die, ihm gleich, eine lange kriegerische Laufbahn mit Werken des Friedens krönten.

Wer Maos Erfolge nennt, kann freilich deren Schattenseiten nicht verschweigen. Dem blutigen Klassenkampf in den ersten Jahren nach der "Befreiung" fielen Hunderttausende, vielleicht Millionen zum Opfer. Das ausgeklügelte System von Bespitzelung, Indoktrinierung, Gehirnwäsche, Selbstkritik und Zwangsarbeit erstickte jede Meinungsfreiheit und hemmte alle Kreativität. Mangel an Sachverstand, Phantasterei und Leichtfertigkeit verursachten das Milliarden-Desaster des Großen Sprungs. Die Kulturrevolution, dieser von Mao inszenierte antiautoritäre Aufstand gegen das Establishment, brachte das Land an den Rand des Bürgerkriegs.

Aus der Bevormundung gelöst

In der Außenpolitik ist das Konto ähnlich unausgeglichen. Mao vollendete die nationale Revolution seiner Vorgänger Sun Yat-sen und Tschiang Kai-schek und löste das Land aus der Bevormundung fremder Mächte. Er schüttelte den Einfluß der Vereinigten Staaten wie den der Sowjetunion ab. Er führte China aus der Isolierung heraus.