Mario Vargas Llosa: "Die andere Seite des Lebens"

Von François Bondy

Das ist ein "roman fleuve", wie die Franzosen sagen, ein "Stromroman". Die spanische Ausgabe umfaßt, unter dem Titel "Gespräche in der Kathedrale", zwei Bände. Vargas Llosa erzählt ein Stück der Geschichte Perus, vom Beginn der Diktatur des Generals Odría, der die revolutionären Apristen des Haya de la Torre verfolgt, über die liberale Amtszeit des Präsidenten Prado bis zum kurzfristigen Aufstieg des linken Politikers Belaúnde –

Mario Vargas Llosa: "Die andere Seite des Lebens" (Originaltitel: "Conversaciones en la catedral", 1969), Roman, aus dem Spanischen von Wolfgang A. Luchting; Claassen Verlag, Düsseldorf, 1976; 623 S., 38,– DM.

Eine doppelte Frage stellt sich – muß generell gestellt werden, selbst im Augenblick, da lateinamerikanische Literatur uns zur Nachholpflicht oder, wie man’s nimmt, zur späten freudigen Entdeckung wird: Müssen wir, um diesen Roman des Autors zu verstehen, der seit dem Buch "Die Stadt und die Hunde" berühmt ist, über die peruanische Geschichte der Jahre, die der linken Militärdiktatur vorangingen, Bescheid wissen? Und: wollen wir eigentlich über die politischen Wechselfälle einer Periode in der nahen Geschichte dieses Andenstaates so viel wissen, daß wir bereit sind, mit einem außerordentlich komplexen Roman viele Stunden zu verbringen?

Selbstverständlich ist das nicht, wenn es nur darum geht, einen berühmten Schriftsteller der jüngeren Generation kennenzulernen; mag da nicht der kurze Roman "Die kleinen Hunde" genügen (zu Unrecht habe ich ihn in einem Hinweis auf Mario Vargas Llosa in der ZEIT vom 3. 9. 1976, als nicht übersetzt bezeichnet), der in einem Novellenband bei Horst Erdmann und gesondert in der Bibliothek Suhrkamp erschienen ist? Ich habe "Die andere Seite des Lebens" zweimal gelesen, das zweite Mal aus dem Bedürfnis, die vielen Querverbindungen zwischen den Handlungssträngen und jenes Spiel mit den Zeiten besser zu verstehen, das zunächst verblüfft und verwirrt; auch um mir die wichtigsten Gestalten besser einzuprägen – wir hören sie vor allem, denn dies ist ein Buch der Dialoge; und schließlich, um mir zu bestätigen, daß die Anstrengung, welche die Lektüre dieses Romans vom Leser fordert, wirklich lohnt.

Die Schwierigkeiten sind nicht zu leugnen. Ich zitiere, fast wahllos aufgegriffen, ein Satzfragment (Seite 86): "Und Ambrosio, aber später hatten sie sich gestritten, junger Herr, und Amalia ging ihrer Wege, und hatte da sogar irgendeine Liebschaft mit jemand, und Santiago, freilich, mit einem Apristen, und Ambrosio, sehr viel