Von Fritz J. Raddatz

Ce sont les beaux sentiments avec lesquels on fait de la mauvaise litterature: dieser angreifbare Satz Flauberts, daß es die schönen Gefühle seien, mit denen man schlechte Literatur mache, fällt einem ein zum neuen Buch von –

Jurek Becker: "Der Boxer", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1976; 304 S., 26,–DM.

Ein Buch von so stupender Integrität wie Kunstlosigkeit. Erzählt wird von einem, der überlebte, aber nicht lebte. Nach dem KZ der Schwarzmarkt und die Suche nach dem Sohn, der mit zwei Jahren ins andere Lager kam; ein paar Frauen, ein paar Freunde, viel Schnaps. Es ist die "Nachricht", die betroffen macht – und das über die Maßen hilflos konstruierte Buch, das sie verwässert. Die Nachricht macht kein Buch. "Alter Mann liebt junges Mädchen" ist nicht der "Faust".

Aron Blank, der sich aus Schutz vor falschem Mitleid nach dem Krieg Arno nennt, erzählt einem fiktiven Protokollanten seine Geschichte – die nicht die Nachkriegsgeschichte sei. "Wenn Du unbedingt objektiv sein willst, dann geh’ und beschreib’ ein Fußballspiel. Bei mir geht das nicht, ich gerate sonst in ein falsches Licht." Wenn nun aber eine "subjektive Biographie" erzählt werden soll (als. gäbe es eine andere), wieso muß in einem brävlichen Vorwort jener Protokollant sagen, "es erscheint mir zweckmäßig, zu diesem frühen Zeitpunkt einige Angaben zu Arons Biographie zu machen"? Das ist ein Mangel an artistischer Balance, die das Buch auf ein moralisches Credo reduziert und literarisch scheitern läßt. Diese Disproportion zwischen der Schwere des berichteten Geschicks, dessen Appell sich kein Leser entziehen kann, und der Leichtgewichtigkeit der künstlerischen Mittel, geht bis in Details und stilistische Figuren. Damit ist nicht lediglich die gelegentliche Sprachunsicherheit Beckers gemeint, die sich in all seinen Texten findet. Nein, entscheidender ist die verhängnisvolle Neigung zum Kommentar; statt eine Situation durch sich selber herzustellen, dem Zwingenden in ihr zu vertrauen, schwemmt er durchweg ein episches Bild durch Erläuterungsgerede auf und zerstört so Zwang, Schock oder Sog.

Zwei Beispiele solcher Details, obwohl das ganze Buch mit seinen durchweg läppischen Einsprengseln des gesicht- und gestaltlos bleibenden Befragers ein einziges Beispiel dafür wäre. Der aus dem KZ Befreite kommt in die von einem Nazi-Spießer beschlagnahmte Wohnung: "Im Schlafzimmer stand ein üppiges Ehebett, weißlackiert und mit flauschigen Decken, als er sich am ersten Abend hineinlegte, stöhnte er vor Zufriedenheit und dachte, endlich ein richtiges Bett. Die Zufriedenheit erwies sich als voreilig, ein Bett ist noch lange kein Schlaf, Aron lag wach und fand keinen Schutz vor den letzten Jahren. Seine Gedanken wühlten darin herum, in Tod und Quälerei, seine zwei verhungerten Kinder lagen neben ihm, unaufhörlich wurde seine Frau aus einem Zimmer geschleift und schrie, und der widerwärtige Gestank ging ihm nicht aus der Nase, den seine drei Bettgenossen im Lager ausströmten und an dessen Entstehung er selbst auch beteiligt gewesen sein mußte. Er holte eine der Essenzen aus dem Bad und versprühte sie. Nach Stunden glaubte er erkannt zu haben, daß der Schritt in dieses Bett zu groß war, er nahm eine Decke, suchte die Wohnung nach einer anderen Schlafstelle ab und fand sie schließlich in der Abstellkammer. Dort legte er sich auf den Fußboden, empfand sofort die Verbesserung, dennoch mußte er lange warten, bis Erschöpfung ihm zu Schlaf verhalf."

Mir scheint, dieser Absatz könnte von der zitternden Härte eines Pfeiles sein, der ins Schwarze getroffen hat, bestünde er aus lediglich drei Sätzen: "Im Schlafzimmer stand ein üppiges Ehebett, weißlackiert und mit flauschigen Decken. Aron lag wach, fand keinen Schutz vor den letzten Jahren. Er suchte die Wohnung nach einer anderen Schlafstelle ab und fand sie schließlich in der Abstellkammer." Beckers Belehrungen töten Phantasie, statt sie zu wecken; er läßt keinen Raum, in dem eigene Gedanken nisten können.