ZEIT: Bei den letzten Wahlen, 1969 und 1972, war die Rolle der FDP deutlich erkennbar: 1969 ging es um den politischen Wandel in der Innen- und Außenpolitik und eventuell um den Regierungswechsel – mit Hilfe der FDP; 1972 ging es um die Fortsetzung und Vollendung dieser Politik und auch schon um ihre liberale Korrektur. Warum eigentlich soll man diesmal die FDP wählen?

Genscher: In dieser Bundestagswahl geht es darum, in einer fortgesetzten sozial-liberalen Koalition noch stärkeren liberalen Einfluß zu sichern. Gerade die Freiheitsdiskussion dieser Monate zeigte, wie sehr dieses Thema die Bürger bewegt. Ihnen bietet die FDP durch ihre in der Praxis bewiesene Haltung die umfassendste Alternative zu allen anderen Vorstellungen.

ZEIT: Von Freiheit spricht auch die Union, sogar lauter.

Genscher: In der Tat, wir gehen nicht so weit, anderen den Willen zur Freiheit zu bestreiten. Aber es ist offenkundig, daß unser Freiheitsverständnis anders ist als das der Konservativen, anders auch als das der Sozialdemokraten.

ZEIT: Von Freiheit reden also alle.

Genscher: Die Betonung liegt auf "reden". ZEIT: Sie haben selbst gesagt, diesem Wahlkampf fehlten die großen Themen. Ist das der Grund, warum die Rolle der FDP nicht so deutlich erkennbar ist wie früher?

Genscher: Nein, Die großen Themen fehlen, weil die großen Alternativen der Opposition zur Politik der Bundesregierung fehlen, übrigens auch die kleinen. 1969 – das war ein klassischer Wahlkampf der großen Themen. Damals ging es um eine neue Außenpolitik, um liberale Rechtspolitik, um die Wirtschaftspolitik: Aufwertung, ja oder nein? Ein solches Thema gibt es nicht mehr. Aber warum? Weil die Regierungskoalition auf die Kontinuität einer Politik setzt, die uns wirtschaftliche und politische Stabilität und sozialen Frieden gesichert hat. Die Opposition hat im Grunde keine Alternative zu bieten, sie kann nicht einmal den Zustand, wie er ist, kritisieren. Sie vermag nur Ängste zu beschwören, sie malt aus, sie malt schwarz, was angeblich geschieht, wenn diese Regierung weiterregiert.