Von Karl-Heinz Janßen

Der Bundeskanzler verhehlt nicht, daß er Wahlkämpfe für "Quatsch" hält. Und der Stil der großen Wahlkundgebungen in diesem Altweibersommer scheint ihm recht zu geben; Gesucht wird nicht der Dialog mit dem mündigen Bürger, der alle Argumente abwägt, ehe er sich für die eine oder andere Partei entscheidet, sondern die Mobilisierung der eigenen Anhänger. Da gerät Kommunikation zur Kommunion, die Wahlveranstaltung zur Familienfeier, entpuppt sich der Wahlredner als Entertainer, der mit Platitüden und Kalauern um den Beifall der Menge buhlt.

Doch unterstellen wir einmal, die Wahlreden verfolgten wirklich den Zweck, vor allem die noch unentschlossenen Wähler zu überzeugen, die Zweifler, die Skeptiker, die Verunsicherten. Dann müßte eine Untersuchung ihrer Sprache rasch erweisen, ob die Redner Demokraten oder Demagogen sind oder beides. Je argumentativer, informativer, sachlicher der Wahlkampf, desto größer die Gewähr für eine faire, ernsthafte Auseinandersetzung.

An dieser Elle gemessen, schneiden die Freien Demokraten diesmal am besten ab. Bundesaußenminister Genscher erntet regelmäßig brausenden Beifall, wenn er vor verbalen Exzessen warnt: "Führen wir den Wahlkampf so, daß wir uns auch am Tage nach der Wahl noch die Hand geben können." Allenfalls ironische. Bemerkungen gestattet sich die Ministerriege der Liberalen, ansonsten beschwört sie das "Maß an Gemeinsamkeit" aller staatstragenden Parteien, gibt sich großzügig, anständig, nett – ihre Rede erschöpft sich in der Leistungsbilanz ("Wir haben unser Bestes getan"). Doch über jeden Zweifel erhaben ist dieser Jargon der Anständigkeit nicht – die kleinste der drei Bundestagsparteien hat aus der Not eine Tugend gemacht. Sie darf nicht aus der selbstgewählten Rolle fallen, muß sich dem Gegner zur Linken und zur Rechten als Partner für morgen oder übermorgen empfehlen.

Die beiden großen Rivalen haben es schwerer, In der Theorie wissen beide, was not täte und was Hans-Jochen Vogel den "Wettstreit der Argumente, der Zahlen, Tatsachen und Konzeptionen" nennt. Leistungsbilanz hier, sachbezogene Kritik dort. In kleinen Versammlungen gelingt es den Rednern am ehesten, sich an diesen Vorsatz zu halten. Doch in der Biersaalatmosphäre der Massenkundgebungen schlägt der offene Dialog sogleich um in einen rechthaberischen Monolog. Der Wille zur Macht triumphiert, Gegensätze werden verschärft, Gemeinsamkeiten verwischt.

Der Wähler muß schon sehr genau hinhören, um die erstaunlich große Übereinstimmung in vielen Grundfragen zu erkennen. Geht es um das atlantische Bündnis, die europäische Einigung, die Entwicklungshilfe oder um die Radikalen im öffentlichen Dienst: die Redner wären austauschbar.

Einige Begriffe sind tabuisiert – sie werden nur von außerhalb des Drei-Parteien-Kartells in Frage gestellt, zumeist von den kommunistischen Splittergruppen. Dabei verlohnte es, jedes dieser umhegten Wörter zu befragen und abzuklopfen: "Stabilität", "Vollbeschäftigung", "Netz der sozialen Sicherheit", das man "dichter knüpfen" oder in das man "hineinschneiden" kann. Gerade an letzterem, das der Zirkuswelt entstammt, hätte sich eigentlich ein Grundsatzstreit zwischen sozialen, christlichen und liberalen Demokraten entzünden müssen, denn sprachlich ließe sich "Netz" auch als Metapher für den freiheitsfeindlichen verbürokratisierten Sozialstaat verwenden.