Wer neulich Hanns Fischers Hitchcock-Interview im ZDF gesehen hat, kann kaum daran zweifeln, daß Hitchcocks 53. Film sein letzter bleiben wird. Der alte Herr wirkte krank und müde, längst nicht mehr so keck und frisch wie noch 1973, als er anläßlich "Frenzy" eine strapaziöse Publicity-Tour durch Europa unternahm.

Hitchcock ist 77 Jahre alt, trägt einen Herzschrittmacher, den er übrigens bereitwillig vorzeigt und wohl eher komisch findet. Er ist mit einer Regiekarriere, die zurückgeht bis ins Jahr 1925 ("The Pleasure Garden", gedreht überwiegend in München), der dienstälteste noch aktive Cineast überhaupt. Ein Monument mithin, auf das das Klischee von der "Legende zu Lebzeiten" ausnahmsweise einmal paßt. Für Kritiker ist das nicht ungefährlich. Bei der Bedeutung dieses Mannes läge es nahe, seinem letzten Film mit hagiographischer Demut zu begegnen, dem Meister einen würdigen Abschied zu bescheren, selbst wenn der Anlaß nicht zu reinem Jubel lüde.

Aber Hitchcock, der weder sich noch seine Exegeten je sonderlich ernst genommen hat, braucht keine Nachsicht. "Familiengrab" (Family Plot) gehört zwar nicht zu seinen allerbesten Filmen, erreicht nicht die Komplexität von "Shadow of a Doubt" oder "Vertigo", aber er ist so elegant, witzig und doppelbödig wie kein anderer später Hitchcock und als Komödie mindestens so ausgefeilt und trickreich wie "Über den Dächern von Nizza".

Wie der alte Luis Buñuel, der in "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" und "Das Phantom der Freiheit" zu den freien Improvisationen seiner surrealistischen Anfänge zurückgefunden hat und sein filmisches Universum noch einmal Revue passieren läßt, variiert Hitchcock in "Familiengrab" heiter, abgeklärt und souverän vertraute stilistische und thematische Motive: ein luzides Alterswerk, frei von selbstgefälliger Sentimentalität. Hitchcock, dem stets der Ehrgeiz fremd war, "Meisterwerke" zu schaffen, ist nicht eitel genug, ein künstlerisches Testament hinterlassen zu wollen. Im Gegenteil: "Familiengrab" endet mit einem Augenzwinkern ins Publikum, einer ironischen Geste, die auf das angenehmste den schönen Unernst der Angelegenheit unterstreicht.

Wie zuletzt "Frenzy" ist "Familiengrab" ein prononciert bescheidener Film. Keiner der vier Hauptdarsteller gehört zum Zirkel der Superstars. Die beiden Damen, Karen Black und Barbara Harris, haben wir zuletzt in Robert Altmans "Nashville" gesehen, Bruce Dem zum Beispiel im "Großen Gatsby" und William Devane ist selbst in Amerika kaum bekannt. Auch der produktionstechnische Aufwand bleibt eher karg. Aber Hitchcock kommt leicht ohne die Gigantomanie des Neuen Hollywood aus. Zusammen mit seinem Drehbuchautor Ernest Lehman ("Der unsichtbare Dritte") hat er sich, frei nach dem Kriminalroman "The Rainbird Pattern" von Victor Canning, eine Geschichte ausgedacht, in der es keinen einzigen gewaltsamen Todesfall und nur eine einzige Leiche gibt. Den herrschenden Hollywood-Trend zu exzessiven Bluträuschen läßt Hitchcock gelangweilt links liegen, verwöhnt sein Publikum statt dessen mit atemberaubenden Konstruktionen und phantastischen Ellipsen, schafft mit leichter Hand jenes Gefühl des schönen Schwindels, das aus der Düpierung aller Zuschauererwartungen resultiert.

Eine Gaunergeschichte, in der keiner der ist, für den man ihn zunächst hält. Die Hellseherin Blanche (Barbara Harris), die der reichen, alten Miß Rainbird helfen soll, ihren verschwundenen Neffen wiederzufinden, besitzt keineswegs übersinnliche Fähigkeiten. Oder vielleicht doch? Ganz zum Schluß, als man sich schon daran gewöhnt hat, sie für eine ziemlich tumbe Blondine zu halten, wartet Blanche mit einer Überraschung auf. Die verrate ich aber nicht. Ihr Freund und Komplize Lumley (Bruce Dem), mit dem zusammen sie den Rainbird-Erben und die damit verbundenen zehntausend Dollar Belohnung aufzuspüren hofft, arbeitet als Taxifahrer, möchte aber lieber Schauspieler sein und nimmt übungsweise gern fremde Identitäten an.

Diesem Paar kleiner Schwindler steht ein zweites, gefährlicheres Paar gegenüber: der Juwelier Arthur Adamson alias Eddie Shoebridge (William Devane), der sich auf das Kidnapping hochgestellter Persönlichkeiten spezialisiert hat und nicht einmal davor zurückschreckt, einen leibhaftigen Bischof mitten aus dem Gottesdienst zu klauen, sowie seine Komplizin Fran (Karen Black), die, mit Perücke und Sonnenbrille vermummt, die Lösegeldverhandlungen führt.