Julio Cortázar: "Das Feuer aller Feuer" und "Album für Manuel"

Von Wolfgang Promies

Im Jahre 1963 erschien er erstmals auf den deutschen Büchermarkt: Julio Cortázar, ein 1914 in Brüssel geborener Argentinier, Gymnasiallehrer und Anti-Peronist, der seit 1951 in Paris lebt, als Übersetzer für die Unesco, heute als freier Schriftsteller, ein "unverbesserlicher Junggeselle, schwärmerischer Acht-Stunden-Leser, faszinierter Kinogänger, Kleinbürger, der blind ist gegenüber allem, was außerhalb der Sphäre des Ästhetischen geschieht" – wie er sich selber sieht.

Unverwechselbar das Gesicht seiner unter dem Titel "Das besetzte Haus" ins Deutsche übertragenen Geschichten. Das Etikett mag verwundern, da dergleichen Texte Cortázar in Europa in den Ruf gebracht haben, die Tradition phantastischer Erzähler zu verfolgen, von E. T. A. Hoffmann zu Kafka, zu den französischen Surrealisten – und zu dem Argentinier in Paris, Welche – politische – Spanne Zeit liegt denn zwischen dem "öden Haus" von Hoffmann und dem "besetzten Haus" Cortázars? Da wie dort ist Ort der Handlung das totenstille, große, wie unbewohnte Bürgerhaus, in dem eine Irene (griechisch: Frieden) nach Mittag auf der Chaiselongue ihres Frauenzimmers strickt und strickt, hoffnungsleere Penelope, die keine Freier erwartet, sondern mit ihrem unverehelichten Bruder ein Haus besorgt, das zu nichts dient. Da sie es nicht nötig haben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, schickten beide sich längst ins – Vermeidliche: "Man kann leben, ohne zu denken.‘

Die Straße – der tropische Garten

In diese Grabesruhe dringt – gegen 1939 – ein Geräusch, das von irgendwoher im Hause kommt und so laut ist, daß der Hausherr vor dem eingedrungenen fremden Laut eine der Türen verriegelt. Als eines Abends die Geräusche erneut näher kommen, verlassen Bruder und Schwester fluchtartig das Haus, nur das mit sich, nehmend, "was wir gerade auf dem Leib hätten": Fünf zehntausend Pesos bleiben im Schlafzimmerschrank zurück, Wollknäuel und Strickzeug hat Irene liegen lassen müssen. Um arme Teufel davon abzuhalten, sich in das besetzte Haus zu stehlen, schließt der Bruder die Eingangstür von außen fest ab und wirft den Schlüssel in die Dachrinne,

Das liest sich, mit Absicht des Autors, possierlich. Die sprichwörtliche Feigheit des Kleinbürgers, den jede Störung der gewohnten Ordnung im Mark seiner Existenz trifft, "aus dem Häuschen bringt", ist jedoch nur die eine Ansicht der Geschichte Cortázars. Die andere ist zweifellos das wachsende Gefühl einer suggestiven Unbehaglichkeit: Wer (oder was) besetzt denn eigentlich das Haus? Das Unheimliche, das Nichtgeheure, das jeder Beschreibung spottet, kontrastiert dem Bezirk traulicher Wohnlichkeit. Cortázars Erzählungen sind häufig von diesem Gegensatz geprägt, und wenn das Unheimliche jeder Beschreibung spottet, so besteht die Kunst dieses Prosaisten gerade darin, es so zu vergegenwärtigen, daß man es wie mit Händen greifen zu können glaubt.