Von Peter Iden

Es wird jetzt wieder mehr Kleinarbeit geleistet. Das Feld, auf dem mit so notwendiger Heftigkeit der Zustand der Gesellschaft verhandelt wurde, ist gleichsam privatisiert worden. Die Belege finden sich überall, in der „Spurensuche“ der bildenden Kunst, auf der Bühne, im Film, in der Literatur schon länger – vor allem jedoch darin, was die Freunde und Leute, die man so kennt, neuerdings bewegt: die Arbeit an den Beziehungen in der Ehe, dem Verhältnis zu den Kindern, zu den Eltern. Vielleicht eine Umlenkung der Aufmerksamkeit von größeren, traurig-unerfüllbaren Programmen weg auf das Leistbare.

Ein Wechsel der Perspektiven ist das, der sicher produktiv sein kann; die Ziele sind erreichbar, die Wegstrecke ist, vergleichsweise, übersichtlich – und doch haben wir da eine Entwicklung, die nicht nur froh machen kann: weil das öffentliche Ganze aus dem Blick rutscht, wenn die private Einzelheit sich übergroß davor aufstellt – seinen prägenden Einfluß noch auf das kleinste Lebensdetail darum aber nicht verliert. In der scheinbar illusionslosen Konzentration auf den schmalen biographischen Ausschnitt und das nächstliegende Umfeld steckt nicht selten eine neue Illusion: Es möchte schließlich doch noch im falschen das richtige Leben sich bewerkstelligen lassen.

Was durch den Rückzug eines Autors in die private Lebensecke bestenfalls zu gewinnen ist und wohin er schlimmstenfalls führen kann, an dem neuen Buch von –

Gabriele Wohmann: „Ausflug mit der Mutter“, Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1976; 138 S., 20,– DM

ist beides nachzuweisen. Beschrieben wird das Verhältnis der Ich-Erzählerin zu ihrer Mutter; also das schwer vorhersehbare Umschlagen von Hoffnung in Verzagtheit, von Zufriedenheit in Enttäuschung, von guten Gefühlen der Nähe in schlimme der Entfernung, das solche Beziehungen so beglückend machen kann und so zur Last. In der Praxis werden in diese Familienarbeit, wie jeder weiß, immense Energien investiert. „Indem ich ihr etwas zu wenig gebe, gebe ich ihr so gut wie alles nicht“, notiert die Tochter einmal. Die Bemerkung bezeichnet sehr treffend die in der Tat höchsten Ansprüche, die der Umgang an das Empfindungsvermögen aller Beteiligten stellt. Die Mutter ist seit einem Jahr Witwe. Für die Tochter (und den Schwiegersohn, der aber meist an der Peripherie bleibt, nur der Mann ist, der das Auto fährt und mit der Steuer Bescheid weiß) gilt es, vorsichtig den Prozeß der Gewöhnung an das Alleinsein zu unterstützen, unauffällig Hilfen zu geben. Das Ritual regelmäßiger Anrufe bildet sich heraus, Erfahrungen werden gesammelt mit der Vorbereitung und dem Verlauf von Besuchen, mit den immer schwierigen Abschieden. Die Feste und Jubiläumsdaten der Familie mit der Mutter zu begehen, wird zur Aufgabe – keiner leichten, wenn mit der Witwe zum Beispiel deren vor vierundfünfzig Jahren geschlossene Verlobung zu feiern ist.

Derart alltäglich und derart besonders sind die Ereignisse und Nöte, die das Buch reflektiert. So ausschließlich handelt es einzig von der zwischen Beobachtung und Anteilnahme schwankenden Einstellung der Tochter zur Mutter, daß es schon eine überwältigende Nachricht ist, wenn die „frohe Botschaft mitgeteilt wird: „Die Mutter hat plötzlich eines schönen Nachmittags den Mut gefaßt und angefangen, wieder Klavier zu spielen.“ Man darf die „Wichtigkeit“ von Begebenheiten dieser Art nicht belächeln; es ist oft ja wirklich nicht mehr als eine kleine Initiative, die eine Existenz bereichern, einem Menschen Halt geben kann. In der ausführlichen Sorgfalt, mit der Gabriele Wohmann solch banale, herzliche Kleinigkeiten schildert, hat der Roman seine Qualität. Mit „verdeutlichender Ruhe“ denkt eine Tochter an ihre Mutter, schreibt sie ihre Gedanken auf als „meine äußerste, noch verbleibende Anstrengung der Annäherung“. Diese ruhige, sanfte Beharrlichkeit im Vortrag der Beobachtungen aus einer winzigen, privaten Erfahrungszone – es fällt schwer, sich ihr zu entziehen.