Von Karl Morgenstern

Im April 1973 wurde John Skinner in der Alster-Schwimmhalle in Hamburg Internationaler Deutscher Meister über 100 m Freistil mit 52,9 Sekunden – vor Klaus Steinbach. Die Kraulsprinterinnen Esme Oosthuysen und Sue Dickie vervollständigten mit ihren Triumphen bei den Damen den südafrikanischen Prestigeerfolg an der Alster. Ein halbes Jahr später wurden diese drei Weltklasseschwimmer die unschuldigen Opfer einer verhängnisvollen Politik, die sich längst ad absurdum geführt hat: Im September 1973 schloß der Internationale Amateur-Schwimmverband (FINA) Südafrika endgültig aus. Sue Dickie, Esme Oosthuysen und John Skinner blieb damit die weite Welt des Schwimmsports endgültig versperrt. Hamburg war ihr letzter offizieller internationaler Auftritt gewesen.

Die Olympischen Spiele in Montreal wurden auf dem Wege der Isolation des südafrikanischen Sports zum Meilenstein. Im Schwimmen, im Fußball, in der Leichtathletik, im Boxen, Gewichtheben, Judo, Ringen, Radfahren, Tischtennis und Volleyball sowie im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ist Südafrika jetzt endgültig eliminiert. Darüber hinaus wurde im Basketball, Fechten und Kanu ein zeitweiliger Ausschluß ausgesprochen. In neun Sportarten ist der Start einzelner Athleten noch zulässig, die Teilnahme von Nationalmannschaften dagegen verboten. Totaler Anerkennung erfreut sich Südafrika dagegen nach wie vor – trotz aller Boykott- und Ausschlußbemühungen seitens des Ostblocks und der Dritten Welt – im Rudern, Reiten, Turnen und Tennis sowie in 24 meist kleineren, international weniger populären Verbänden. Allen voran steht aber der Rugby-Sport, der immer wieder zum Zankapfel wird.

Zum interessanten sportpolitischen Puzzlespiel ist jetzt der Fall des 22jährigen Schwimmers John Skinner gediehen. Seit Südafrika auch von der FINA geächtet worden ist, sind diesem Athleten internationale Startmöglichkeiten formell versperrt. Es geht John Skinner nicht forser als dem berühmten Sprinter Paul Nash, der 1968 nicht an den Olympischen Spielen in Mexico-City teilnehmen durfte, oder der Weltrekordschwimmerin Karen Muir. Dieses Weltwöhnliche Talent stellte in den sechziger Jahren 14 Weltrekorde auf. Olympia blieb ihr trotzdem versperrt. Karen Muir hatte das Pech, daß es damals noch keine Schwimm-Weltmeisterschaften gab. An ihnen hätte sie seinerzeit noch teilnehmen dürfen. Heutzutage ist auch das nicht mehr möglich.

Schlimmer noch. John Skinner schwamm bei den US-Titelkämpfen in Philadelphia als Mitglied der "Central Jersey Aquatics" einen spektakulären Weltrekord: 49,44 Sekunden sind seit dem 14. August 1976 das Nonplusultra im Schwimmsport, schneller als der Amerikaner Jim Montgomery bei den Olympischen Spielen in Montreal, der mit 49,99 Sekunden als erster Schwimmer der Welt unter 50 Sekunden blieb. Zwischen diesen beiden Zeiten liegt eine Differenz von 0,55 Sekunden. Im Schwimmsport bedeutet das einen Klassenunterschied. Aber die Leistung John Skinners war erwartet worden.

Der Holländer Nils Bouws, seit zwei Jahren einer der deutschen Bundestrainer, war jahrelang als Coach in Südafrika tätig gewesen und hatte das aus der Diamantenstadt Kimberley stammende Naturtalent John Skinner von 1971 bis 1974 systematisch trainiert. "Es gibt keinen Kraulsprinter der Welt, dessen Leistungskurve in den letzten Jahren gradliniger verlaufen ist als die Skinners. Dieser Junge ist der schnellste Schwimmer der Welt – schneller auch als alle Amerikaner. Man muß ihm nur eine Chance geben."

Diese prophetischen Worte hatte Nils Bouws schon vor einem halben Jahr gewagt. In Philadelphia bekam Nils Bouws recht. Und in US-Schwimmerkreisen glaubt man den Grund zu kennen, warum Jim Montgomery, der strahlende Sieger von Montreal, diesen Titelkämpfen ferngeblieben ist. Es war nicht nur Olympiamüdigkeit, es war die Furcht, von einem Stärkeren deklassiert zu werden. Denn John Skinner hatte sich mit fast fanatischer Zielstrebigkeit auf diese Titelkämpfe vorbereitet. Der Mann, der 1973 mit 53,2 Sekunden für Aufsehen sorgte, im gleichen Jahr in Hamburg 52,9 Sekunden schwamm, ein Jahr später in der Höhe von Bloemfontain erst 52,6 Sekunden und dann auf Meereshöhe in Durban 52,3 Sekunden folgen ließ und 1975 mit 52,05 Sekunden Nummer zwei der Weltrangliste war, muß aber jetzt um seinen Weltrekord fürchten.