Vielleicht war es ein Anflug von sozialer Fürsorge oder ein familiäres Gefühl für die alten Schicksalsgenossen und Förderer, vielleicht auch (ein bißchen) die Überlegung, daß ein ausgehungertes Publikum desto gieriger nach dem dicken Brocken des Hauptgangs schnappen wird. Das anderswo offenbar nachsichtig geduldete, bei uns eher verpönte Vorprogramm besorgten ein Erbarmen verlangendes Sing- und Tanz-Duo (die Nicholas-Brothers) und ein wohlklingender, seinem Opernsänger-Ehrgeiz gleichwohl nicht gewachsener Baßbariton, der mit gespitztem Mund Töne wie Tabaksrauchkringel ausblies und mit seinen fülligen Night-Club-Nummern ganz fürchterlich um Wohlklang bemüht war (der Jazz-Sänger und -Bläser Billy Eckstine). Dann aber öffnete sich unter Trommelwirbeln eine Tür über der Bühne, herein trat unter ohrenbetäubendem Beifall die Hauptperson und hüpfte behende die Treppe hinab an die dicke Rampe: Sammy Davis junior. Das war am Sonntag im Amsterdamer Conzertgebouw, wo er seine Europa-Tournee begann; sie führt ihn, nach Hamburg und Berlin, nächste Woche noch nach Frankfurt (21. September), Düsseldorf (22.), und München (25.).

Es hätte keinen krasseren Gegensatz geben können als diesen zwischen provinzieller und professioneller Showkunst. Sammy Davis führte, sozusagen die Definition eines Entertainers vor, der vieles gleichermaßen sicher beherrscht oder es wenigstens glauben macht, der singen kann und tanzen, plaudern, parodieren und pfeifen, der die Leute mit albernen Schnacks zum Lachen bringt und für Momente zum Nachdenken verleitet, der sehr gefühlvoll wirken kann, aber die Rutschbahn in die Sentimentalität gleich blockiert mit einer Grimasse, mit lächerlichem Popowackeln oder Hüftzucken oder mit einer parodistischen Übertreibung mitten in einem Stück. Angenommen, er könnte nichts davon wirklich ganz, so bestünde sein Können darin, es als vollkommen erscheinen zu lassen. In dieser Kunst kann ihm sicherlich kaum einer das Wasser reichen. Man folgt ihm, ohne es recht zu merken, gebannt auch über die flachen Stellen seiner Show hinweg bis zum "Gute Nacht" und der einzigen Zugabe, die ihm seine wohltuende Distanz gegenüber einem umarmungswütigen Publikum erlaubt.

Die Sympathie, die ihm aus beifallklatschenden Händen laut entgegenflattert, wird durch vielerlei hervorgerufen. Erstens beherrscht Davis sein Handwerk aus dem Effeff. Er hat eine angenehme, hervorragend ausgebildete Stimme; er kann wirklich singen und manchmal wirklich schön; er artikuliert sorgfältig und pointiert; er ist zu außerordentlichen Steigerungen fähig, und mir scheint, kein anderer ist zu so vollendetem Schreien imstande wie er.

Und wenn er – zweitens – spricht, genauer: wenn er von immer denselben gerade erlebten Szenen im Hotel schwatzt, wenn er Lieder unterbricht und Erklärungen wie Renaissance-Intermezzi dazwischenplaudert, während das Klavier die Brücke zur Fortsetzung mit Orchester schlägt; wenn er witzelt, wenn er etwas erklärt oder biographische Notizen an den Rand streut – dann interpretiert man seine Einfälle amüsiert als schlagfertige Improvisationen, wie er es ja auch behauptet, obwohl er sie (fast) allesamt auswendig gelernt hat. Entertainers Kunst, das ist ja auch, so zu tun, als ob: Sie sind allesamt Gaukler.

Man mag Sammy Davis drittens, weil er eine unbändige Lust hat zu Ironie und Selbstpersiflage, wie immer er das auch tut, mit einer beiläufigen Bemerkung, mit grotesken Körper- oder Gesichtsbewegungen, und das Gelächter im Saal wird besonders laut, wenn er den Kasper spielt, wenn er Faxen macht und schelmisch zu bedenken gibt, daß sich dergleichen für einen Fünfzigjährigen, der er nun ist, eigentlich nicht mehr schicke. Er kann sich diebisch freuen.

Und dann – das wäre wohl der vierte Grund für seinen Erfolg – ist er selbstverständlich ein geschickter Regisseur. Nicht nur hat er sich ja sein "Libretto" zubereitet, sondern das Stück auch inszeniert. Das zeigen so beiläufige Beschäftigungen wie das Jacke-Ausziehen und die Idee, an einer musikalisch ausgesuchten Stelle des unerwartet originellen Big-Band-Streicher-Arrangements erst die Posaunen, dann die Saxophone aufstehen zu lassen und zu preisen und zweimal da capo zu verlangen und alsbald die brüderliche Freundschaft zum Bandleader George Rose (einem sehr souveränen Musiker) zu preisen. Dazu rechnen auch die wenigen Requisiten der Handlung, ein Strohhut zum Beispiel, ein silbernes Kännchen (aus dem er dann und wann trinkt und das er später für eine Parodie gebraucht), auch die wild glitzernden sechs Ringe und die goldene Rasierklinge am vielreihigen Halsgeschmeide, – eine Melone und nicht zuletzt: das Mikrophon. Einmal setzt er es nach einem Song wie ein Bierglas an den Hals, um die letzten Tropfen zu saugen, ein andermal läßt er es zwischen den Knöcheln baumeln, um den Steptanz in den Saal zu klappern.

Man muß natürlich seine strahlenden Augen nennen – obwohl das linke seit einem Autounfall aus Glas ist. Man wird auch von der Zierlichkeit seiner Figur Notiz nehmen müssen – obwohl er damit immer noch kokettiert wie mit seiner angeblichen Häßlichkeit (beides einst Antriebe zur Selbstbehauptung, zur künstlerischen Entfaltung). Man kann die explosive Energie in diesem dürren, drahtigen Körper nicht übersehen, der vor Rhythmuslust fast birst und von Atemnot nicht geplagt scheint – obwohl man das alles bis zum Überdruß schon gelesen hat, ehe man es sah. Das gilt genauso für die Haltung und die charakteristischen Bewegungen, die zurückgeschobenen Schultern, den rechtwinklig geknickten Arm und die daran herabhängende Hand, das Standbein und das Spielbein und den Knick in der Taille, die seitliche Drehung zum Mikrophon, den wippenden Gang und die Beweglichkeit dieses jungenhaften Mannes.