Von Martin Gregor-Dellin

Die Zeitmaschine ist kein annähernd so kompliziertes Gebilde wie die menschliche Erinnerung, die zuzeiten von Vergangenheit überschwemmt wird und sich ihrer mit den unterschiedlichsten Beschwörungsriten zu erwehren sucht. Eines dieser Beschwörungsmittel heißt Literatur. Literatur ist Erinnerung, erzählte Zeit. Aber das erklärt noch nicht den Zwang, warum Schriftsteller immer wieder zu den Anfängen und in die Kindheit zurückkehren wie Verbrecher zum Tatort. Die Provokation geht von der Unveränderbarkeit des Erlebten aus. "Nicht, daß auch seine Tage gezählt waren, machte ihm zu schaffen. Aber daß bestimmte Phasen seines Lebens Endgültigkeit angenommen hatten, an ihre Wiederkehr nicht zu denken war!" Dieser Art ist das Leiden an Vergangenheit, das den Dichter Achim Reichsfelder erfaßt in dem Buch von –

Heinz Piontek: "Dichterleben", Roman; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1976; 318 S., 28,– DM.

Pionteks zweiter Roman ist ein Schriftsteller-Roman, ein Literatur-Roman, die Geschichte eines Dichters, seiner Leiden und seines Scheiterns. Aus diesem Grunde muß wohl vom Verhältnis des Autors zu seiner Figur die Rede sein, denn man schreibt nicht den Roman eines Schriftstellers, dessen Leben in so vielem auf die Biographie des Autors anspielt, ohne damit etwas Bestimmtes zu bezwecken. "Dichterleben"? Schon der Titel scheint auf mancherlei anzuspielen. So leben Dichter – ein Dichterleben also? Oder die Assoziation auf "dichter leben", was man den Künstlern ja gelegentlich nachsagt? Es erweist sich irgendwann, und zwar ziemlich spät, daß schlicht und einfach die zärtlich-jiddische Anrede gemeint ist: "Och, schau ihn dir an, Dichterleben!" So wie man auch "Vaterleben" sagt, "Schwesterleben", "Brunoleben", kurz und gut: der Titel besagt eigentlich nichts, wenn nicht eine Spur zuviel Mitleid, Erbarmen, Trost im voraus, bevor man der ganzen Kalamität dieser verunglückten Literatur-Karriere so recht gewahr wird. Die prosaischen Ausdrücke sind absolut am Platze, denn viel ist in diesem Roman von Erfolg oder Mißerfolg, von Anerkennung, Zuspruch oder mangelnder Beachtung die Rede. Es ist die Geschichte eines alternativen Schicksals zur Laufbahn des Autors, der im übrigen mit seinem Helden Reichsfelder doch manches gemeinsam hat.

Reichsfelder stammt aus der kleinen Stadt Dissingen zwischen Augsburg und Ulm, die nur eine schwache Verschlüsselung für Dillingen ist, wo Piontek nach seiner Flucht aus Schlesien lange gelebt hat. Hier schreibt Reichsfelder-Piontek seine ersten Gedichte, von hier aus bricht er nach München auf; aber nun scheinen sich die Wege Reichsfelders und Pionteks zu trennen: Reichsfelder gerät, nach mancherlei Anerkennung, in einen Leistungsstress, dem er weder seelisch noch materiell gewachsen zu sein scheint; er hängt mit vierzig seinen Beruf an den Nagel (wenn Dichten ein Beruf ist) und wird Übersetzer, Lohnarbeiter, existiert weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit und von ihr ausgeschlossen, er verschleißt seine Gefühle in Ehen und Verhältnissen, die seltsam spurlos an ihm vorübergehen, stellt sich eines Tages seiner eigenen Biographie im Gespräch mit einem Studenten, der ihn in den "Ring" zurückholen, seine dichterischen Qualitäten reaktivieren will.

Da bricht nun der ganze Ekel der "midlifecrisis" hervor, der Überdruß an einer Kollegenschaft, die sich im Geschäft der Literatur opportunistisch eingerichtet hat, und Reichsfelder wendet sich in einem Jahr des Erinnerns dem einzigen zu, das unbeschadet seine Krisen und Mißerfolge überstanden hat: der Kindheit, den Anfängen, der Natur. Das Buch beginnt mit einem respektablen und beeindruckenden Versuch, sich in der Sprache Heimat zu verschaffen, aus den "mittleren Jahren" – so hieß Pionteks erster Roman – hinabzutauchen zu den ersten Begegnungen der Halbwüchsigen in der noch relativ heilen Welt einer Kleinstadt, wo die Rolläden klappernd fallen und das Gleichgewicht tanzender Mädchen wie hinter einer Glaswand die unwiderlegbare Bildkraft von Träumen annimmt. Eine reich instrumentierte Prosa.

Daß es in Reichsfelders Gegenwart, zu der das Buch natürlich immerfort zurückkehren muß, eigentlich nicht vorwärtsgeht, wirkt zunächst nur wie ein Ritardando, ein Stau, der sich jedoch nicht löst – denn da kann es nicht weitergehen, weil sich nichts konkretisiert. Denn wie erklärt Piontek die Krise seines Helden? Er gibt ihm die Umrisse des Fünfzigjährigen mit Altersangst: "Wer bringe es fertig, das Alter nicht zu verabscheuen, die Jugend nicht zu fürchten? Oder dann: das hündische Kriechen der Intelligenz vor den politischen Begriffen – wie das einer mal formuliert habe" – nur zu, Reichsfelder hat das gute Recht, das Entgegenkommen und Jasagen von Schleimscheißern" zu verachten. Wüßte man nur, wer gemeint ist, worauf Reichsfelders Ennui abzielt. Oder lebt er selbst in einer Scheinwelt, die ihre Selbstrechtfertigung nur aus dem Scheitern bezieht?