Einen "Durchbruch" feierte die populärwissenschaftliche Zeitschrift "Science News", und sogar das renommierte Fachblatt "Science" umgab die Nachricht mit einem Hauch von Sensation. "Ein bisher als unumstößlich geltendes Gesetz der Immunologie... hat offenbar eine entscheidende Lücke", hieß es dort.

Grund für so viel Aufregung hatte ein junger Forscher gegeben, der US-Biologe William Summerlin. Er wollte am Sloan-Kettering-Krebsforschungsinstitut in New York den härtesten Gegner der Organverpflanzung überlistet haben, die Immunreaktion des Körpers. Stolz präsentierte Summerlin sein Beweisstück, eine weiße Ratte mit einem markstückgroßen schwarzen Fleck. Dieser Fleck sei ein Stück überpflanztes Fell einer schwarzen Ratte, erklärte der Forscher dazu; mit einem Trick sei es ihm gelungen zu verhindern, daß der Organismus der weißen Ratte das artfremde Gewebe abstieß. Den Organverpflanzern strahlte ein Hoffnungsschimmer.

Freilich nicht allzu lange. Es stellte sich nämlich heraus, daß Summerlin seine Renommierratte gar nicht operiert, sondern nur ihr Fell mit schwarzem Filzstift bemalt hatte. Der Wissenschaftler hatte gemogelt, und er mußte es zugeben.

William Summerlin war keineswegs der erste Mogler unter den Forschern, und er wird sicher nicht der letzte sein. Pastor Gregor Mendel, der verehrte Vater der Vererbungslehre, hatte, wie der Statistiker R. A. Fischer vor vierzig Jahren nachwies, seine Resultate "frisiert". Berühmt wurde René Blandots angebliche Entdeckung der N-Strahlung, einer Variante der Röntgenstrahlen, die sogar Metall durchdringen sollte. Nachdem Blandot seine Entdeckung 1903 veröffentlicht hatte, wurden die N-Strahlen an vielen anderen Instituten gefunden. Aber N-Strahlen gibt es überhaupt nicht. Sie waren schlicht erfunden.

Jahrzehntelang erschienen in der sowjetischen Biologie-Fachliteratur experimentelle Bestätigungen für Lyssenkos These von der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften. Alle diese Versuchsergebnisse müssen geschwindelt gewesen sein, denn Lyssenkos Lehre, die nur in der Sowjetunion propagiert wurde, weil sie dem ideologischen Kampf wissenschaftliche Schützenhilfe gewährte, war falsch. Der anpassungsfreudige Biologe hatte sie wider besseres Wissen verbreitet.

Wohl ohne politische Absicht produzierte 1962 der angesehene sowjetische Physiker Boris Derjagin eine wissenschaftliche Ente, die acht Jahre lang durch die wissenschaftlichen Gazetten flog. Er behauptete, eine neue Form von Wasser, gallertartiges H2O mit bemerkenswerten Eigenschaften, entdeckt zu haben. In den folgenden Jahren wurde dieses Polywasser in mehreren sowjetischen Forschungslabors ebenfalls gefunden. Hingegen fahndeten amerikanische Physiker vergeblich danach. Wiewohl sie die russischen Experimente minuziös nachahmten – das "Polywasser" wollte einfach nicht entstehen. Des Rätsels Lösung fand der Amerikaner Ellis Lippincott 1970: Die feinen Glasröhrchen, die die Sowjets benutzt hatten, waren verschmutzt. Ultrafeiner Dreck im Wasser hatte die seltsamen Eigenschaften vorgetäuscht.

Wie häufig kommen gewollt oder ungewollt Schwindeleien in der Forschung vor? Niemand weiß darauf eine Antwort. Publik werden sie selten. Dies mag nicht zuletzt am strammen Corpsgeist liegen, den Forscher gern beweisen, wenn es um den guten Ruf ihrer Wissenschaft geht. Natürlich nimmt mit zunehmender Komplexität wissenschaftlicher Experimente auch die Zahl der verzeihlichen Irrtümer zu.