Von Robert Heller und Norris Willat

Die Schweizer Bankiers sind in der Welt alles andere als beliebt, mit Ausnahme vielleicht in jenen arabischen Ländern, deren regierende Familien Plätze zu schätzen wissen, wohin sie ihr Raubgut in Sicherheit bringen können. Aber der Ruf der Schweizer Bankiers ist nirgendwo schlechter als in den Vereinigten Staaten, deren uninformierte Einwohner fälschlicherweise der Meinung sind, daß Schweizer Banken mit den Moneten vollgestopft sind, die die Mafia durch so undemokratische Aktivitäten wie Glücksspiel, Prostitution, Rauschgifthandel, Verbrecherschutz und Schlimmeres aufgehäuft hat. Amerikas Rechtssystem ist mit Schlupflöchern für die Reichen durchlöchert, durch die jeder geschickte Anwalt einen Cadillac hindurchsteuern kann. Doch das einzige Verbrechen, das jedem angehängt werden kann, ist die Steuerhinterziehung, ein sehr ernstes Vergehen in den Vereinigten Staaten, das aber in der Schweiz nicht einmal ein Straftatbestand ist.

Seit Jahren versuchten die amerikanischen Behörden, den Panzer des Schweizer Bankgeheimnisses zu durchstoßen. Die Geheimhaltung ist bei weitem der attraktivste Köder, den die Banken einigen Kunden hinhalten können. 1973 haben die Vereinigten Staaten die Schweiz so unter Druck gesetzt, daß sie für kriminelle Vergehen ein gegenseitiges Hilfsabkommen abgeschlossen haben. Da aber die Schweizer a) bestreiten, daß sie jemals wissentlich unrechtmäßiges Geld annehmen und b) hieb- und stichfeste Beweise einer Straftat verlangen, ehe sie den Schleier ihrer Nummernkonten lüften, haben die Detektive in Washington immer noch ein hartes Stück Arbeit zu leisten.

Was immer man im US-Schatzamt denkt, der Durchschnittsbürger verabscheut keineswegs Plätze, mit deren Hilfe er sich der Steuer entziehen kann, und er sympathisiert schadenfroh mit jenen, denen das in größerem Stil gelingt. Den angriffslustigen Spitznamen "Gnomen von Zürich" haben die Schweizer Bankiers jedoch wegen der ihnen unterstellten Rolle in den Währungskrisen erhalten, die die europäische Wirtschaft nach dem Kriege heimgesucht haben. Besonders die Briten stellten sich kleine, übelwollende Männer vor, die auf Bergen von Gold sitzen und die vorübergehenden Schwächen der britischen Wirtschaft zu spekulativen Angriffen ausnutzen, die dem Lande dauerhaften Schaden zufügen.

Die Schweizer sind auf keinen Fall die zierlichen, bösen Kobolde aus dem Märchen. Schweizer Bankiers verbringen ihre Tage nicht mit dem Anhäufen von Reichtümern für sich selbst, obwohl sie mit dem unschuldigen Zeitvertreib, den Provisionsagenten zu spielen, ganz ordentliche Vermögen zusammenbekommen (sie berechnen für alles eine Provision, selbst für das Einlösen eines Schecks). Die Züricher Bankiers sind tüchtig, überaus versiert, peinlich genau und ehrlich, außerordentlich phantasielos und extrem konservativ. Mit anderen Worten: Sie sind die letzten, die eine Leidenschaft für irgendeine Art von Spekulation entwickeln, nicht einmal für eine so bombensichere Sache wie die Abwertung des Pfundes.

Obwohl alle Schweizer Banken Universalbanken sind, also die ganze Palette der Bankdienste anbieten, liegt das Schwergewicht doch auf Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit, und zwar nicht nur bei den großen Instituten, sondern in noch größerem Maße bei den nicht so großen, kleineren oder winzigen, diskreten Privatbanken, von denen es im Lande wimmelt. Schweizer Banken sind nicht deshalb mit Geld vollgestopft, weil habgierige Gnomen durch Zürich hasten und Gold sammeln wie Eichhörnchen Nüsse. Sie sind es eher, weil wohlhabende Kapitalflüchtlinge bei den ersten Krisenzeichen einer turbulenten Welt in die Schweiz eilen und ihr Vermögen in Sicherheit bringen. Da Krisen politischer, wirtschaftlicher, sozialer und finanzieller Natur heutzutage örtlich begrenzt bleiben, ist der Zustrom von Geld für die Schweizer eine Alltagsangelegenheit geworden – wie die Herstellung von Kuckucksuhren oder Schokolade.

Der Kapitalfluß nimmt auch nicht ab, wenn die Schweizer Behörden in verzweifelten Versuchen, ihre Wirtschaft vor der durch die andrängende Liquidität ausgelösten Inflation zu schützen, Vorschriften zur Abwehr von Ausländern erlassen. Im Gefolge der internationalen Währungskrisen im Chaos der siebziger Jahre forderten die Schweizer Banken von Ausländern hohe Zinsen auf ihre Einlagen, statt wie üblich Zinsen dafür zu zahlen. Das war natürlich wunderbar für die Gewinne der Schweizer Banken (die selbst in schlimmen Zeiten nicht schlecht sind), aber die nervösen Reichen wurden nicht abgeschreckt. Sie ziehen einen sicheren, wenn auch teueren Aufenthalt für ihr Geld einem gefährlichen vor.