Von Manfred Sack

Jede Nase, die seit dem Wochenende an Kölner Photogeschäften plattgedrückt wird, verrät das Thema, das die Besucherscharen von überall her bis in den Nachtbummel gefangennimmt. Daß sie selbst noch an unbedeutenden Läden haltmachen und sich Kameras begucken, zeigt nicht, daß die Messe, um derentwillen sie gekommen sind, zuwenig böte, sondern daß ihr Gegenstand offenbar den ganzen Menschen und seine ganze Zeit, vermutlich sein ganzes Denken beschlagnahmt. In Köln also ereignet sich zur Zeit (bis zum 26. September) die photokina, die größte Photomesse der Welt. Aber es gehört seit je zu ihren Eigenarten, daß nicht nur Werkzeuge, Materialien und Chemikalien vorgeführt und gehandelt werden, sondern auch die Endprodukte dieses industriellen Aufwandes gezeigt werden: nämlich Photographien. Zehn solcher Ausstellungen sind in der Kunsthalle am Neumarkt zu sehen – mit Genuß und mit Ärger.

Die packendste darunter ist ganz weit hinten plaziert, auf der stumpfen Abseite, dargeboten mit einer Lieblosigkeit sondergleichen. Es sind Photos von jungen Leuten, die aufgerufen waren, sich hinter ihren Kameras Gedanken über "die Jugend und das Alter" zu machen, Bilder von Dilettanten also, die nichts zum Photographieren treibt als Spaß und – das wird einem auf Anhieb klar – eine bemerkenswerte mitmenschliche Passion. Sie wurden in ihren kleinen Formaten gelassen und zu Hunderten einfach neben- und übereinander auf dicke Glasscheiben geklebt, ein wirrer Photographien-Haufen, der noch die bewegendsten. Bilder versteckt. Ich hatte das Gefühl von Diskriminierung.

Die glatteste und inhaltlich ärmlichste Bildersammlung wurde hingegen mit pompöser Sorgfalt ausgebreitet, selbstverständlich in riesenhaften Formaten. Es sind Farbphotos von Ernst Haas, einem berühmten Mann, der hier sein seltsam oberflächliches, oft belangloses, nur in Ausnahmen sprechendes Bild von Deutschland publik macht: technisch brillant, aber teilnahmslos.

Das schönste und einprägsamste Erlebnis ist einer Wiederholung zu danken, nämlich August Sanders Ausstellung von "Menschen des 20. Jahrhunderts", zum erstenmal vor fast fünfzig Jahren in Köln gezeigt. Man wandert wie durch ein aufgeschlagenes Buch, jedes der 550 Bilder eine Veranstaltung von Konzentration, Phantasie und realistischer Redlichkeit. Die Bilder haben das heutzutage fast nur noch dilettierenden Photographen zugemutete Format von 18 mal 24 Zentimetern, sie wurden in Passepartouts gefaßt und hell gerahmt; sie sind, geschickt aufgeteilt, einfach hintereinander gehängt.

Darüber ließe sich lange reden, auch über die bräunliche Farbe der Photos wie über den Eindruck, man befinde sich in dieser Schau auf einem Spaziergang durch "Deutschland und die Deutschen". Nirgendwo sonst empfindet man das so deutlich wie bei Sander und, gleich nebenan, bei den alten Künstlerporträts von Hugo Erfurth und den Bauernköpfen der einzigartigen Erna Lendvai-Dircksen.

Von ihnen wie von Ernst Haas und den Preisträgern eines Zeitungs-Photowettbewerbes bekommt der Betrachtende natürlich ein merkwürdiges Bild von den Deutschen und Deutschland: ein harmloses, schrecklich schönes Land mit unendlich sauberen, ordentlichen, artigen, vom Wohlstand gelangweilten Bewohnern, unberührt von sozialen und anderen Bosheiten, gebettet in kauzige Städte und schönheitssatte Landschaften, die ruhelos von Sonnenauf- und -untergängen behelligt werden. Interessant wird dieser Tatbestand erst dadurch, daß ja gar nicht Deutschland und die Deutschen präsentiert werden, sondern Photographen, die Land und Leute so gesehen haben, so zu sehen glaubten oder so und nicht anders sehen wollten. Ihre Linsen sind überraschend rosa verfärbt, was wohl auch damit zusammenhängt, daß Farbe korrumpiert; ihre ästhetischen Ansprüche sind oft stärker als die der Wirklichkeit.