Von Sibylle Krause-Burger

Sie heißt Christina Fürstin von Urach, und so sieht sie auch aus: eine große, eine stattliche Person, die am Vormittag schon Perlen im Ohr und aus dunkelroter Seide Gewirktes über den Hüften trägt. Man kann sich leicht vorstellen, wie sie durch die alten Gemächer des Stammsitzes ihrer Väter schreitet. Aber dieser Fürstin Reich ist von einer ganz anderen Welt. Sie residiert im Werk Untertürkheim der Daimler-Benz Aktiengesellschaft; und sie ist die erfolgreichste der – immerhin – drei Frauen unter den 1500 leitenden Angestellten des Unternehmens.

Die anderen beiden "Damen", wie die höher chargierte Weiblichkeit in der Betriebssprache respektvoll genannt wird, leiten eine Abteilung. Der Fürstin jedoch ist eine Hauptabteilung unterstellt. "Organisation und Datenverarbeitung" heißt ihr Ressort, 150 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, und der Aufgabenkatalog ist ebenso anspruchsvoll wie mannigfaltig. Dazu gehört die Bearbeitung all dessen, was unter dem Stichwort "Abläufe" geführt wird, also die konventionelle und die elektronisch gesteuerte Planung technischer und kaufmännischer Vorgänge. Außerdem überprüft diese Schaltzentrale auch die Struktur des Werks, sucht neue Variationen für den hierarchischen Aufbau, forscht nach der rationellsten Art, Entscheidungen zu treffen und Beschlüsse in die Tat umzusetzen.

Die Fürstin kontrolliert und koordiniert diese Arbeit, und sie führt die Menschen, die sie ausführen. Frauen, die in der deutschen Wirtschaft so weit vorangekommen sind wie sie, lassen sich vermutlich an den Fingern einer Hand abzählen. Es ist eine Traumkarriere. Was also, das ist zu fragen, hat den steilen Aufstieg zuwege gebracht? Von welcher Art muß eine Frau sein, um Vergleichbares zu erreichen?

Die ersten Voraussetzungen für soviel Erfolg hat Christina von Urach aus dem Elternhaus mitgebracht. Der Vater – auch er war Angestellter bei Daimler-Benz gewesen – hat sie "in Richtung Leistung" erzogen. Da blieb nie ein Zweifel, daß es "positiv" sei, einen vernünftigen Schulabschluß und – sofern die Begabung ausreichen sollte – auch ein Universitätsexamen anzustreben. Die Tochter schaffte beides. Als Hauptfach wählte sie schließlich, was nur wenigen Mädchen in den Sinn kommt: Sie schrieb sich an der Technischen Hochschule Stuttgart für die Disziplin Maschinenbau ein und machte – als einzige Studentin unter lauter männlichen Kommilitonen – ihren Diplomingenieur.

Mit diesem Beruf mußte eine Frau damals wohl auffallen. Bei Daimler, wo sie 1959 als Sachbearbeiterin in die Entwicklungsabteilung eintrat, bot sich ihr denn auch bald die Chance, in den noch ganz jungen Zweig der elektronischen Datenverarbeitung umzusteigen. Rivalitätsprobleme kamen ihr dabei nicht in die Quere, zumal es in diesem Bereich noch keine Hierarchie gab. Die junge Frau hatte einen "Ein-Mann-Job" übernommen, sie war niemandes Konkurrentin, sondern wurde schnell – nachdem sie eine Reihe von Fortbildungskursen absolviert hatte – zur "Spezialistin für EDV". Das hat ihren Start begünstigt. Die stürmische Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung und der wirtschaftliche Aufschwung, der damit zusammenfiel, waren ihrer Karriere dann weiter dienlich. 1969 hatte sie schon 100 Mitarbeiter und mit ihnen ein Rechenzentrum, die Programmierabteilung und die Systementwicklung zu betreuen. Seit 1973 ist das Ressort Organisation dazugekommen. Seither herrscht sie als einziger weiblicher Chef über eine Hauptabteilung des Unternehmens.

Zum ungewöhnlichen Beruf gesellte sich der außergewöhnliche Name. Liegt es auch daran, daß die Fürstin zu "unserem Paradestück", wie ein Vorgesetzter sie tituliert, avancieren konnte?’ Gewiß, der Adel der "Dame" fügt sich schön zum Adel der Firma und der Produkte, die sie herstellt. Auch dieses eher optische Element am unaufhaltsamen Aufstieg der Christina von Urach wird wohl nicht ganz ohne Gewicht gewesen sein. Emma Schulze hätte ein paar Hürden mehr zu überwinden gehabt. Indessen, hier versteht man viel zu gut zu managen und zu rechnen, um sich dem Adel allein verpflichtet zu fühlen. Und ohne jeden Zweifel bringt die Fürstin weit mehr als ihr blaues Blut in die Arbeit mit ein.