Ein Roman, wie ich ihn mir vorstelle, müßte alle Augenblicke, auch die scheinbar sinnlosesten und nutzlosesten, in der Reihenfolge ihres Entstehens aufzeigen, eine Kette ohne Anfang und Ende bilden, die Gleichwertigkeit des Existierenden demonstrieren. Erst die Summe aller Augenblicke ergäbe dann so etwas wie Leben, eine Imagination von Leben, Wirklichkeit ..." – sagt Birkelbach zu Keller, der intelligenteste Insasse des Obdachlosenheims "Moorhof" zu dem freiwilligen Helfer. Man darf in Birkelbachs Romantheorie die des Autors und in dem Helfer Keller den Autor selber erkennen: Jürgen Haug, Jahrgang 1940, der als Wehrdienstverweigerer seinen zivilen Ersatzdienst in einem Penner-Asyl leistete. Weder das eine noch das andere ist neu oder ungewöhnlich, auch die "Theorie" hat Vorläufer, und Haug ist gescheit genug, es bei der Andeutung zu belassen. Im übrigen ist das erste (selbst mitfinanzierte) Buch des Hörspielautors konkret und praktisch, so konkret, daß einem Hören und Sehen vergeht –

Jürgen Haug: "Aufzeichnungen aus einer Wanderherberge – Fragment"; Hohwacht-Verlag, Godesberg, 1975; 277 S., 20,– DM.

Es verzeichnet scheinbar willkürlich und ohne Ordnung die "sinnlosesten und nutzlosesten Augenblicke", Begebenheiten, Figuren, Typen, Ereignisse, Nichtigkeiten im Asyl, das als Gutshof funktioniert, wenn es funktioniert, die Zugänge und Abgänge der Schnorrer, Bettler, Penner, Alkoholiker, Diebe, der Gestrauchelten und Gescheiterten, der Simulanten und Verblödeten. Im Asyl findet jeder Platz. Weil hier jeder (gleiches) Recht hat, verteidigt er es gegen jeden anderen. Das Asyl ist, jenseits aller bürgerlichen oder sonstigen Klassenordnung (und fantastisch paradox), der Ort der letzten und absoluten Freiwilligkeit: Auch wer nicht arbeitet, wird verpflegt.

Die "Aufzeichnungen" sind verwirrend: meist im Präsens notiert (ein gelegentliches Präteritum drückt den Leser in die bequeme Haltung des Romanlesers zurück). Sie lassen weniger sehen als hören: schier endlose Tiraden, Geschrei, Geschwätz, Zotiges, Sinnloses, unendlich Wiederholtes, wobei Haug mit dem untauglichen Mittel der geschriebenen Sprache versucht, gesprochene Unsprache festzuhalten: "Ei was tun SIEEE denn noch hier, Buchfink Vor allem die Sprechweise des fünfzig- oder sechzigjährigen Herrn vom Moorhof, des Landwirts und Verwalters, Herbergsvaters und Aufsehers Korn wird so charakterisiert. Der durch seine zwanzig-, dreißigjährige Praxis selber schon verformte Bürger muß die Herumzieher, Heruntergekommenen, Ausgestoßenen zugleich als Strolche verachten und als Hilflose fast lieben. Was von den Erfolgsaussichten zu halten ist, weiß Korn schon lange: "Das is soviel wie n Ochs ins Horn gepetzt."

Von Redewendungen solchen Schlages ist das Buch voll. Es besteht überwiegend aus Dialogen und Monologen. Beschreibende Partien fehlen fast ganz, erst recht episch-erzählende. Man erkennt an den Dialogen, daß sie erfahrene, gehörte, aufgelesene Reden sind, nicht erfundene.

So sehr das Ungleichwertige, Belanglose, Triviale vieler Passagen enerviert: sie geben exakter, als ein Roman mit seinen Auswegen und Ausflüchten für die Phantasie es vermöchte, die hoffnungslose Situation der Ausgeflippten, Einsamen wieder. Haag ist als Chronist erbarmungslos, nicht nur mit den Porträtierten, sondern auch mit dem Leser: Das nervtötende Palaver gehört zu den "Stationen einer Agonie", wie ein Kapitel überschrieben ist, in dem das Sterben eines herzkranken Asylisten minuziös dargestellt wird. Mißtrauen und Boshaftigkeit dauern bis ins Koma.

Dieses Buch ist eine Anthologie des Elends, der seelischen und sozialen Verwahrlosung: Studienmaterial für Sozialpädagogen; und es ist zugleich eine verschwenderisch ausgebreitete Ansammlung von Lebensgeschichten, ein Materialberg, der Stoff abgäbe für ein gutes Dutzend Erzählungen, Romane, Filme, die freilich durch den Kunstwillen verändern oder gar verfälschen müßten, was Haug bis zum zuweilen ärgerlichsten Naturalismus von seinem eigenen Kunstwillen, freizuhalten sucht. Peter W. Jansen