Von Marlies Menge

Berlin, im September

Sie hatte mich neugierig gemacht. Körperlich sei sie völlig hilflos, hätte sie mir geschrieben; sie müsse gewaschen, gefüttert, in den Rollstuhl gehoben werden. Montags habe sie keine Zeit, da besuche sie einen Inhaftierten im Knast. Sie hatte sich an mich gewandt, weil sie etwas unternehmen wollte gegen die Passivität der meisten Behinderten. Und gegen das freundliche Getue so vieler Nichtbehinderter.

Ich fuhr hin. Sie heißt Jutta. Sie wohnt in einem dieser modernen Hochhäuser, und zwar im 10. Stock, in einer rollstuhlgerechten Wohnung am Rande Berlins. Mit einem Sender öffnete sie die Tür. Sie ist schwerstbehindert, seit sie im Alter von 14 Jahren eine Gelenkentzündung hatte. Seitdem ist sie völlig steif. Ein Stab, den sie zwischen ihren unbeweglichen, verkrüppelten Fingern hält, hilft ihr, die Technik in der Wohnung zu meistern. Zum Beispiel das Telephon, dessen Hörer in Kopfhöhe befestigt ist: Sie drückt einfach auf eine Stange, anstatt den Hörer abzuheben oder aufzulegen. Mit ihrem Zauberstab stellt sie auch die elektrische Schreibmaschine an und aus, bedient den Elektro-Rollstuhl, das Licht, die Türen, den Aufzug.

Sie kauft auch noch allein ein. Durch ihre Natürlichkeit und Herzlichkeit nahm sie mir sofort alle Scheu: "Bringen Sie sich einen Sessel mit auf den Balkon – Selbstbedienung." Sie erzählte mir, wie sie geworden ist, was sie ist. Jutta ist jetzt 50 Jahre alt.

Bis zu ihrem 15. Lebensjahr war sie ein Kind wie jedes andere. Danach war es ihr zunächst unmöglich, ihre Hilflosigkeit hinzunehmen. Sie hoffte auf Heilung, fuhr zur Kur, wo eine Gymnastikerin ihr ein Bein brach. Nun war sie nicht nur steif, sondern das Bein lag auch noch quer; "Da machte ich meinen ersten Selbstmordversuch. Ich sagte einem dreijährigen Nachbarsjungen, wie man den Gashahn andreht." Eine Nachbarin fand sie, und ihre Mutter wurde verdächtigt. Denn sie selbst konnte es ja nicht gemacht haben. 1945 starb die Mutter. Jutta hoffte weiter. Sie klammerte sich an die Voraussage eines Orthopäden, der sie nach Bad Elster schickte – sie lebte damals noch in Karl-Marx-Stadt in der DDR. Er meinte, sie würde Wieder laufen können. Sie wollte einfach daran glauben.

Aber der Kurarzt riet ihr, sich körperlich aufzugeben: Geistig könne sie sich weiterbilden, körperlich sei nichts drin. Sie konsultierte alle möglichen Ärzte, alle sagten dasselbe. Am liebsten hätte sie sich irgendwo verkrochen. Aber da war diese schreckliche Angst vor Hospitälern. Und diese Angst war es, die ihr immer wieder die Energie gab, sich nicht aufzugeben.