"Ich traue meinen Augen", von Armin Eichholz. Man weiß: schneller als die Schnittblumen in der Vase welken die Feuilletons. Es ist also verständlich, daß Berufsfeuilletonisten von Zeit zu Zeit ihre zierlichsten Blättchen zu einem Lesestrauß arrangieren, dem in der haltbareren Buchform dann neue Überlebenshoffnung zukommt. Aber was gehört in das kostbarere Gefäß Buch? Was soll man ruhig dem Tag verfallen lassen? Armin Eichholz, der geschätzte und erfahrene Feuilletonchef aus München, ist hier den Gefahren des Sortierens nicht immer entgangen. Wer mit so viel schöner Sinnlichkeit und Nase für die ironische Pointe begabt ist, sollte in eine solche Sammlung aus dreißig Jahren nicht alles Mögliche hineinstopfen, nur weil ein (oft früher einmal) prominenter Name das Stückchen ziert. Die Zeitungs-Kurzinterviews mit Maria Schell, Hochhuth, Peter Bamm, Werner Finck und manches andere hätte ich weggelassen. Da ist ja nichts vom wirklichen Schriftsteller und Stilisten Eichholz zu erkennen, Seine Stärke ist die genaue Beobachtung, die den Mut zur ganz persönlichen Impression durchhält. Feuilletons über Dichter-Lesungen zum Beispiel geraten ihm zu kleinen Kabinettstücken. Beobachtung in der Feierlichkeit einer Hagelstange-Lesung: "Sogar ein Wort wie ‚Fiskus‘ wird in dieser Atmosphäre zum Andante maestoso." Wie witzig und genau Eichholz Thomas Mann beobachtet: "Man entdeckt mit einem Male, wie viele verschiedene Kommata es gibt (ob er nun die rechte Augenbraue verzieht, eine Hand zur Seite führt oder gar aufblickt), man teilt mit ihm die Wonnen eines Punktes und genießt zugleich die Vorfreude auf den einschränkenden Satz, den er mit leisem Schmatzen ankündigt. An solchen Sätzen merkt man plötzlich wieviel wir im Zeitalter der Kulturberichterstattung verloren haben. Das kann nicht jeder. Um solcher präzisen Details willens ist das Buch stellenweise sehr lesenswert. (Personen und Pointen – Eine Kultur-Revue; Ehrenwirth Verlag, München, 1976; 256 S., 28,–DM.) Horst Krüger

"Sieben Häuser", Aufzeichnungen einer Bücherfrau, von Bettina Hürlimann. Wenn man Verlegerstochter war und Verlegersfrau wurde, liegt es nur zu nahe, in der Branche zu bleiben und selber Bücher zu befördern, Editor zu sein oder Lektor. Am Ende, das steht sozusagen von vornherein fest, wird da ein Buch sein, das das eigene Werden und Wollen wortreich beschreibt. Das Buch ist nun da: "Aufzeichnungen einer Bücherfrau." – Bettina Hürlimann, die Tochter Gustav Kiepenheuers und die Frau Martin Hürlimanns, die von Weimar aufbrach, in Potsdam und Berlin lebte, bevor sie in Zollikon ihre Lebensarbeit aufnahm, entdeckte früh eine Lücke im Literaturbetrieb, die gerade sie zu füllen verstand. Kinderbücher waren bei ihr in verständigen verlegerischen Händen. Aber da sie von Anbeginn an beim Büchermachen dabei war, dem Vater zuhörte und den Mann beriet und schließlich selber Projekte plante, wurde dieses Leben allmählich zu einer Geschichte über Literatur. Das hätte aufregend werden können. Denn das Thema trägt. Nicht selten sind besondere Lebenswege schon zu besonderer Literatur verwertet worden. Aber wenn man anfängt, von sich zu erzählen – und nichts anderes hat Bettina Hürlimann sich mit der Schilderung ihrer Lebensstationen, den "Sieben Häusern" vorgenommen – dann muß man sich auch geben wollen und sich nicht gleichzeitig verweigern. Das aber macht die Geschichtenerzählerin. Eine Beichte hätte aus dem Bericht ja nicht gleich werden müssen. Vor vollendete Tatsachen will auch der Leser einer Verlagsgeschichte nicht gestellt werden. Da genügt schließlich die Lektüre des Verlagsprogramms. Schade. Hier wurde eine Story verschenkt, die kein anderer hätte schreiben können. Wer hätte über die Schwierigkeiten, die die Schriftsteller den Verlegern (oder umgekehrt) sicher, immer machten, nicht gerne nachgelesen. (Artemis Verlag, Zürich/München, 1976; 247 S., 34,50 DM.)

Sabin Schultze