Von Octavio Paz

Wer behaupten wollte, die Literatur des Abendlandes sei eine einzige Literatur, riefe auf der Stelle berechtigte Einwände hervor: Was haben der italienische Hendekasyllabus und der englische Blankvers, Camões und Hölderlin, Ronsard und Kafka miteinander gemein?

Dagegen erscheint es nicht nur sinnvoll, zu behaupten, daß die Literatur des Abendlandes ein Ganzes ist: Unbestreitbar ist sie ein Ganzes. Jede einzelne der Einheiten, die wir englische, deutsche, italienische oder polnische Literatur nennen, ist in sich nicht unabhängig und isoliert, sondern steht in beständiger Verbindung mit den anderen. Corneille las mit Gewinn Juan Luiz de Alarcon, so wie Shakespeare Montaigne las.

Die Literatur des Abendlandes ist ein Gewebe von Beziehungen; die Sprachen, Autoren, Stilarten und Werke lebten und leben in steter gegenseitiger Durthdringung. Die Beziehungen entfalten sich auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Richtungen. Einige sind verwandt, andere widersprüchlich: Chaucer übersetzte den "Roman de la Rose", aber die deutschen Romantiker wandten sich gegen Racine. Die Beziehungen können auch räumlich oder zeitlich sein: Eliot fand auf der anderen Seite des Ärmelkanals die Lyrik Laforgues und Pound, auf der anderen Seite der Zeit, im zwölften Jahrhundert, die provenzalische Poesie. Alle großen literarischen Bewegungen sind über die Nationen hinausgegangen, und alle großen Werke unserer literarischen Tradition waren die Folge anderer Werke, bisweilen die Entgegnung auf sie. Die Literatur des Abendlandes ist ein Ganzes, mit sich selber im Kampf, ohne Unterlaß sich von sich selber trennend, einig wieder mit sich selbst, in einer Abfolge von Verneinungen und Bejahungen, die auch Wiederaufnahmen und Metamorphosen sind.

Wir sind nicht Dritte Welt

Literatur in Bewegung und, darüber hinaus, Literatur in Expansion. Sie hat sich nicht nur in anderen Ländern (Amerika, Australien, Südafrika) ausgebreitet, sondern auch andere Literaturen geschaffen. An einer Grenze sind die slawischen Literaturen entstanden; an der anderen die amerikanischen Literaturen englischer, spanischer, portugiesischer und französischer Zunge. Sehr bald wurde eine dieser Literaturen – die nordamerikanische – zur Weltliteratur, das heißt, konstitutiver Bestandteil unseres kulturellen und historischen Universums. Unmöglich, sich das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert ohne Melville, Poe, Whitman, James, Faulkner, Eliot vorzustellen. Die andere große Weltliteratur war die russische.

Ich sage "war", weil die russische im Unterschied zur nordamerikanischen Literatur, die uns im Laufe dieses Jahrhunderts unablässig große Lyriker und Romanciers schenkte, eine Verfinsterung erlitten hat. Aber das Wort Verfinsterung trifft nicht ganz, denn es bezeichnet ein Naturphänomen, das sich dem Willen des Menschen entzieht, während die Zerstörung der russischen Literatur ein Unternehmen war, das aus freien Stücken von einer Gruppe ausgeführt wurde. Das Außerordentliche dieses Falles, einzigartig in der neueren Geschichte – Hitlers Versuch scheiterte am Ende –, ist, daß diese Zerstörung die Folge eines prometheischen historischen Unterfangens gewesen ist, das die Gesellschaft ebenso wie die menschliche Natur zu ändern trachtete. Die Enttäuschung eines Christen aus dem zweiten Jahrhundert, der, wiederauferstanden, sich der Tatsache bewußt würde, daß zweitausend Jahre vergangen sind, ohne daß die Zweite Wiederkehr Christi eingetroffen ist, die man zu seiner Zeit für unmittelbar bevorstehend gehalten hatte, wäre geringer als die Schamröte, die Marx und Engels empfänden, wenn sie mit eigenen Augen sehen könnten, was aus ihren Ideen anderthalb Jahrhunderte nach der Veröffentlichung des "Kommunistischen Manifests" geworden ist. Gewiß, wir haben in den letzten Jahren die Wiedergeburt der russischen Literatur miterlebt: Solschenizyn, Sinjawskij, Brodskij und andere. Aber der Einfluß dieser Schriftsteller ist moralisch, nicht literarisch. Solschenizyn ist kein Stil, sondern ein Gewissen; seine Werke sind, mehr als eine Vision der Welt, ein Zeugnis des Schreckens unserer Welt.