Ahrensburg: „Otto Lindig – Keramiken“

Für diejenigen, die ihn nicht kannten, schien er selten etwas anderes zu tun als Kaffee zu trinken, zu rauchen oder Geige zu spielen. „Aber er wußte alles und konnte alles, und solche Fähigkeiten erlernt einer nur durch ernste Arbeit. Wie herrlich, daß ihm die Arbeit zum Spiel geriet.“ So hat der Bildhauer Gerhard Marcks seinen Schüler und Freund beschrieben, den Bauhaus-Keramiker Otto Lindig, von dem jetzt zum allererstenmal Arbeiten ausgestellt werden, Kaffee-, Teegeschirre und Schalen (die es, nach Lindigs Formen hergestellt, auch zu kaufen gibt), ferner Vasen und Krüge. Weiß man aber noch, wer er war? Lindig (1895 bis 1966) hatte ein Bildhauerstudium abgeschlossen, als er 1919 ans eben gegründete Bauhaus nach Weimar kam. Unter Max Krehan als Werk- und Gerhard Marcks als Formmeister lernte Lindig dort die Töpferei; nach der Gesellenprüfung 1922 übernahm er die technische Leitung der Werkstatt. Unter dem Einfluß des eher traditionellen Max Krehan, der einer alten Thüringer Töpferfamilie entstammte, veränderten sich unter seinen Händen ganz allmählich die gewohnten Formen. Er fand bei seinen Experimenten schließlich von extremen zu bestechend einfachen Entwürfen. Typisch für Lindigs Stil: die Vasen, für die er 1937 den Grand Prix der Pariser Weltausstellung erhielt – sie sind in Ahrensburg zu sehen. Zwar ließ er sich von früherer Keramik inspirieren, doch für seine Zeit, die nicht mehr nach sogenannten rustikalen, sondern anspruchsvolleren Arbeiten fragte, dachte er neu: in neuen Formen, neuen Tonkörpern, neuer Oberflächenbeschaffenheit. Er war in Dornburg (wo die Weimarer Bauhaus-Keramik angesiedelt war) auch der einzige, der mit Glasuren experimentierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Lindig einen Ruf an die Landeskunstschule in Hamburg, wo er dann dreizehn Jahre lang bis 1966 die Keramikklasse leitete. Die Ausstellung mit zum Teil mühselig ausfindig gemachten Arbeiten aus den Jahren 1920 bis 1960 hat Lindigs ehemalige Mitarbeiterin und Assistentin Liebfriede Bernstiel zusammengebracht; sie zeigt sie an den nächsten drei Wochenenden in ihrer Werkstatt in Ahrensburg bei Hamburg. (Rudolf-Kinau-Straße 27; vom 17. bis 19-, 24. bis 26. September und vom 1. bis 3. Oktober; im Frühjahr 1977 plant das Hetjenmuseum in Düsseldorf die Ausstellung zu übernehmen.)

Clemens Ulrich Sack

Bremen: „Kaufrufe und Straßenhändler“

Die „Kaufrufe“ gehören in den Bereich der populären Druckgraphik, die in den letzten Jahren von Sammlern und Museen wiederentdeckt und in zahlreichen Ausstellungen präsentiert wurde. Gerade daß es sich hierbei nicht um Erzeugnisse der sogenannten Hochkunst handelt, daß andere, außerkünstlerische, nämlich historische und gesellschaftliche Kriterien in Betracht kommen, macht das lebhafte Interesse für diese Sparte der Graphik verständlich. Die „Kaufrufe“ beschäftigen sich mit dem Berufsstand der Straßenhändler und Hausierer, die von Haus zu Haus und von Markt zu Markt ziehen und ihre Waren und Dienste mit Rufen und Singen an den Mann bringen. Sie rangieren, zusammen mit den Gauklern, auf der untersten Stufe der sozialen Leiter. Fast immer handelt es sich, wie auf den Titelblättern der Kaufruf-Serien vermerkt, um „Zeichnungen nach dem gemeinen Volke“ oder um „Studien aus dem niederen Volke“, die offenbar zum Ergötzen der Höhergestellten angefertigt wurden. Soziales Elend wird sentimental oder mit frivolem Witz kaschiert. Gleichzeitig spiegeln die Kaufrufe auf der volkstümlichen Ebene, was sich in den oberen Rängen der Kulturgeschichte abspielt. Winckelmann leitet den Klassizismus ein, indem er in Italien die Antike entdeckt, und in Wien geht ein Straßenhändler mit Gipsfiguren nach antikem Vorbild auf den Markt. Im Biedermeier wiederum ziehen die Gärtnerburschen mit Blumentöpfen durch die Straßen, weil die feinen Leute für die Natur schwärmen. Im 18. Jahrhundert war das Geschäft mit den „Kaufrufen“ so lukrativ, daß die Verleger es sich leisten konnten, bedeutende Künstler zur Mitarbeit heranzuziehen. So haben in Frankreich beispielsweise Boucher und Vernet „Cris de Paris“ entworfen. Die rund 100 Kaufrufe von 16. bis zum 19. Jahrhundert, die in Bremen gezeigt werden, stammen aus der Sammlung von Dr. Ernst Hauswedell. (Bremer Kunsthalle bis zum 3. Oktober, anschließend Frankfurt, Wolfenbüttel und Hamburg)

Gottfried Sello

München: „Gustav Klimt / Egon Schiele“