Von Petra Kipphoff

Die letzten drei Romane des amerikanischen Schriftstellers Saul Bellow heißen "Herzog" (1964), "Mr. Sammler’s Planet" (1969) und "Humboldt’s Gift" (1975). Dem Deutschen klingt das sehr deutsch. Aber ebenso wenig wie der erste Roman von einem Herzog und der zweite von einem Sammler handelte, hat der dritte etwas mit Humboldt zu tun, Wilhelm oder Alexander von. Die Titelfigur von –

Saul Bellow: "Humboldts Vermächtnis", aus dem Amerikanischen von Walter Hasenclever; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 559 S., 34,– DM

hat ihren Namen, werdende Mütter sind unberechenbar, nach einer Statue im New Yorker Central Park, und der volle Name, Mrs. Fleischer zitierte nach dem Telephonbuchsystem, war von Humboldt Fleischer. Daß Nachnamen zu Vornamen werden, ist im Angelsächsischen durchaus üblich. Und Saul Bellow ist auch nicht der Mann, der seine halbe Schriftsteller-Phantasie an Symbole oder Allusionen abgibt und damit dem Leser zur gefälligen Weiterverwendung überläßt. Aber andererseits wird er, der als Kind Englisch, Jiddisch, Hebräisch und Französisch lernte, der Dozent für englische Literatur an der University of Minnesota war und Professor für Soziologie an der University of Chicago ist, der drei Jahre lang zum Mitarbeiterstab der "Encyclopaedia Britannica" gehörte, doch wohl wissen, daß das englische Vermächtnis, daß die angelsächsische Gabe ein deutsches Gift ist. Und was schließlich Humboldt betrifft, Alexander von, so war er als früher Naturforscher auch ein Vorläufer jener Wissenschaftler und Technokraten, die, so Saul Bellow und Charlie Citrine, der Ich-Erzähler des Romans, der Phantasie im allgemeinen und der Kunst im besonderen langsam aber sicher die Luft abschnüren.

Bellows Helden leiden gelegentlich an Atemnot. Humboldt ist aus dem stickigen New York in einen stinkenden Vorort gezogen, weil er glaubt, dort besser Luft holen und arbeiten und seinen strahlenden Anfängen als junger Dichter wieder auf die Spur kommen zu können. Aber daraus wird nichts. Er verfängt sich immer tiefer in die Zerstörung seiner Person, seiner Arbeit, seiner Freundschaften. Und Charlie Citrine, von dem er als Vorbild verehrt und als Freund geliebt wird, verfolgt Humboldt mit seinem ganzen Haß, nachdem dessen Stück "Trends" am Broadway ein Hit wird. In dem Maße, in dem der Freund berühmt und reich wird, wird er, Humboldt, sein Feind. Dreißig Jahre nachdem er durch eine Handvoll Gedichte zu raschem Ruhm kam, stirbt Humboldt verarmt, verwahrlost, verbohrt, verbittert, in einem miesen Hotel in Midtown Manhattan, Charlie Citrine sieht ihn ein paar Wochen vorher noch einmal zufällig auf der Straße, versteckt sich aber vor ihm, denn Humboldt, dieser früher. "großartige, erratische Mensch mit seinem breiten, blonden Gesicht" ist jetzt "grau, dick, krank, staubig". Charlie Citrine hingegen hält sich, wie er berichtet, "mit ältlicher Anstrengung in Form": hat einen flachen Bauch", weil er Paddle-Ball spielt und in die Sauna geht, kann seiner jugendlichen Freundin Renata die ärztlichen Auskünfte über sein supernormales EKG und seine erstaunlich jugendliche Prostata zitieren und, so das Resümee seiner physischen Verfassung, "in Illusion und Idiotie durch diese stolzen medizinischen Befunde bestärkt, umarmte ich eine vollbusige Renata auf dieser posturepädischen Matratze".

So beginnt das Buch: traurig und komisch. Und so endet es, traurig und komisch: mit Humboldts Beerdigung, seiner zweiten Beerdigung, denn Charlie läßt ihn und seine Mutter umbetten, die Särge von einem Supermarkt-Friedhof vor der Stadt auf den schönen Walhalla-Friedhof überführen, ein greiser Freund der Familie kräht dazu, falsch aber gerührt, "In questa tomba oscura" aus Verdis "Aida". Finanziert wird diese Szene allerdings vorwiegend von Humboldt: das Vermächtnis des toten Freundes – ein Treatment und ein früher gemeinsam verfaßtes Filmscript – hat plötzlich und unerwartet Geld gebracht. Von diesem Geld wird auch Charlie, inzwischen selber bankrott, zunächst weiterleben können.

"Humboldts Vermächtnis" ist, nach "Herzog", nach "Mr. Sammler’s Planet" eine neue Variante von Bellows Geschichte des an sich und seiner Zeit gleichermaßen scheiternden Individuums in Gestalt eines Schriftstellers, des Intellektuellen. Bellow hat, wie immer, in diese Geschichte sehr viel Autobiographisches hineingenommen, hat eigene Erfahrungen teils zitiert, teils karikiert, besonders in der Figur von Charlie Citrine. Er, der vielleicht nicht populärste, aber gewiß derzeit am meisten geachtete Romancier Amerikas hat das mit sehr detachiertem Engagement getan, hat Pathos immer wieder durch Komik angefangen. Er hat zudem, wie amerikanische Leser rasch herausfanden, einem Dichter seiner Jugend ein Epitaph geschrieben: Den Vorwurf zu Humboldt gab, bis ins Detail hinein, die Biographie von Delmore Schwarz, der ein strahlender junger Lyriker der vierziger Jahre war, der sein Talent und die Erwartung der anderen nicht aushielt, sich selbst zerstörte wie Scott Fitzgerald.