Von Rolf Michaelis

Lang oder kurz ist die Zeit, / und das Wahre, / das sich ereignen wird, / heißt Sterben. / / Danach bist du / gleichsinnig mit / der Erde, dem Himmel, / die sich nicht wissen. / (Aber wer bis du noch?) // Was eigentlich hieß denn das: / geboren, Zeit zu gebären / im Unterfangen des Bewußtseins – / wozu ,ich‘?"

So dichtet in Deutschland zur Zeit nur Einer. So aphoristisch knapp Leben und Tod, Erde und Himmel, Ich und Welt mit großer rhetorischer Geste in ein streng gebautes Gedicht zu zwingen – und das Kunstgebilde zugleich aufzubrechen mit der Frage im scheinbar überzähligen, zwischen Klammern gesetzten Vers der zweiten Strophe, gelingt nur einem Meister, dem Meister, Ernst. Vier Jahre nach seinem letzten Lyrikband mit dem kennzeichnenden Titel "Sage vom Ganzen den Satz", im Jahr seines fündundsechzigsten Geburtstages, das ihm, nach manchen Ehrungen, mit dem Petrarca-Preis die Anerkennung durch die jüngere Dichtergeneration und eine gewisse Publizität über literarische Zirkel hinaus brachte, erscheint das neue Buch von –

Ernst Meister: "Im Zeitspalt", Gedichte; Luchterhand Verlag, Darmstadt/Neuwied, 1976; 56 S., 18,– DM.

Der schmale Band ist ein Schlüssel zu dem oft als dunkel und hermetisch abgewehrten Werk des am 3. September in Hagen-Haspe geborenen Dichters. In den lyrischen Miniaturen des neuen Bandes, von denen die kürzeste fünf, die längste zweiundzwanzig Zeilen umspannt, herrscht der Ton einer – manchmal heiteren – Klarheit. Bei aller poetischen Prägnanz geben sich die Verse einfach. Das ist nicht Ausdruck einer – fraglichen – Altersweisheit, sondern Ergebnis gedanklicher Konzentration und sprachlicher Disziplin. Es sind Denk-Gedichte, die mal tänzelnd, mal in wiegendem Singsang, oft brütend und oft wild klagend dem Rätsel der Existenz nachsinnen.

Der fünfundsechzigjährige Ernst Meister hat das Staunen nicht verlernt. Hinter all der Bildung, die in seinen Versen lebt, hinter biblischen Anklängen, theologischen oder philosophischen Anspielungen bleibt die Sprachlosigkeit des Kindes zu ahnen, das fassungslos darüber ist, daß überhaupt etwas ist und daß das, was ist, einmal nicht mehr sein wird.

Diese Verwunderung vor dem Leben äußert sich, gleichsam kindlich, in Fragen nach dem, was zuerst erfahren wird: Licht, Sonne.