Warum läuft er denn weg?", von Michel Grinaud. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich das französische Autorenpaar Marcelle Perriod und Louis Fraysse. Die beiden erzählen von dem sechzehn jährigen Laurant, den die bürgerlichen Verkehrsformen und Konsumgepflogenheiten anekeln und der sich nach Unabhängigkeit sehnt. Eines Tages läuft er weg, schlüpft in einer Kommune unter und flieht aus ihr enttäuscht, hungert, wird ausgeraubt, geht arbeiten, hält es aber bei keiner Arbeit lange aus. Am Ende findet Laurent es doch besser, die Schule zu Ende zu machen und einen "ordentlichen" Beruf zu erlernen, und kehrt nach Hause zurück. – Die zwischen den Eltern und Laurant hin- und herwechselnde Erzählung führt den nur halbwegs gelungenen Versuch einer jugendlichen Emanzipation vor. Es spricht für die Geschichte, daß nicht etwa nur von Laurant ein Lernprozeß erwartet wird, sondern daß er mit seiner Flucht ein Gespräch zwischen Vater und Mutter und eine Selbst- und Gewissenserforschung seiner Eltern in Gang bringt. Laurant überwindet seine Trotzhaltung, die Eltern ihren Anspruch, Laurant dominieren und ihm ihre Lebensform einfach aufzwingen zu wollen. Allerdings sind die Konflikte und Probleme ausschließlich aus bürgerlichen Wertvorstellungen und Mittelschichten-Situationen erklärbar. So reagieren auch die Eltern durchaus im Sinne der traditionellen Rollenverteilung. Immerhin erscheint jedoch der Versuch, den Generationskonflikt in ein besonnenes Gespräch zu überführen, literarisch durchaus gelungen. (Verlag Sauerländer, Aarau/Frankfurt; 144 S., 16,80 DM)

"Lauf, wenn du kannst", von Margret Storey. Als Imogen erwacht, glaubt sie zuerst, sie sei im Krankenhaus. Erst allmählich dämmert es ihr, daß sie gekidnappt wurde und gefangengehalten wird. Es gelingt ihr, die Betäubungsmittel zu vermeiden, die man ihr gibt, ihre "Krankenschwester" einzusperren, ihren Bewacher Keen kurzfristig abzuschütteln, so daß sie mit der Polizei telephonieren kann. Doch erreicht sie damit nur, daß Keen mit ihr aus dem Gewahrsam flüchten muß. Das Buch schildert nun die vielen Stationen der Flucht, die endlosen Gespräche und Auseinandersetzungen zwischen Bewacher und Gefangener, die besondere, spannungs- und konfliktreiche Beziehung, die sich zwischen beiden entwickelt und die sie manchmal vergessen läßt, daß sie "nicht auf derselben Seite" stehen. – Eine vor allem psychologisch interessante Erzählung, die jedoch ihre Chance, zu einer Abenteuererzählung zu werden, bewußt nicht nutzt zugunsten der Beschäftigung mit der Entwicklung der beiden Hauptpersonen, die zugleich eine Entwicklung der Beziehung beider zueinander beinhaltet. Der Kidnapper erfüllt eine Doppelaufgabe: Imogen zu entführen und so lange wie möglich versteckt zu halten und sie zugleich zu beschützen; Imogen ist hin- und hergerissen zwischen Vorwürfen und Haß auf ihren Entführer und leiser Zuneigung und wachsender Anhänglichkeit und Dankbarkeit. Die Ambivalenz der Beziehung wird durchaus glaubhaft, nur nimmt man Imogen nicht ganz ihre stets ungebrochene Selbstsicherheit ab. (Boje Verlag, Stuttgart; 159 S., 12,80 DM) M. D.