Ein schönes Medium darf den Kanzler befragen

Bonn

Plötzlich ist sie so etwas wie eine Person der Zeitgeschichte, genauer: am Rande der Zeitgeschichte. Seit dem Beginn der heißen Wahlkampfphase stellt Gisela Wicke in den Fernseh-Werbespots der SPD an niemand geringeren Fragen als an den Kanzler Helmut Schmidt. Es sind nicht. ihre Fragen, denn die werden von der Werbegesellschaft, die mit der Partei verbunden ist, entworfen und dann im sozialdemokratischen Hauptquartier weiter ausgefeilt. Sie ist das Medium.

Aber das spielt inzwischen keine Rolle mehr, wenn sie sich mit dem Regierungschef zum Dialog zusammensetzt – sei es in Schmidts Büro in der Parteizentrale, sei es in irgendeinem Studio. Acht von zehn Spots, darunter einer mit Willy Brandt, sind inzwischen abgedreht. Sie hat sich ihre Rolle zu eigen gemacht.

Weil Bölling sie fragte

Das freilich war anfangs gar nicht einfach. Mit dem Fernsehen hatte die Journalistin Gisela Wicke bisher nichts zu tun. Sie gehört zur schreibenden Zunft. In der Quick, Frau im Spiegel und in petra hat sie Artikel veröffentlicht, in denen die Politik mit dem "human touch" zusammengeht: Artikel zum Beispiel über Loki Schmidt, Hannelore Kohl, Marie Schlei oder Hermann Höcherl. Der Jounalismus liegt in der Ehe: Ihr Mann ist politischer Redakteur im Dritten Fernsehprogramm des Westdeutschen Rundfunks. Sie haben eine achtjährige Tochter.

Außerdem ist sie zu ihrer Rolle wie von ungefähr gekommen. Den Kanzler kannte sie nur so, wie ihn Hunderte von Journalisten kennen: von gelegentlichen und flüchtigen beruflichen Begegnungen. Aber im vergangenen Sommer, als Helmut Schmidt anläßlich der 200-Jahr-Feiern durch die USA reiste und eine größere Schar von Presseleuten mitgenommen hatte, fragte sie sein Herold Klaus Bölling, ob sie sich denn vorstellen könnte, den Kanzler für Wahlkampfzwecke zu interviewen. Sie nahm das nicht ganz ernst, vergaß es sogar wieder. Doch dann ging alles sehr schnell. Die Produktionsfirma rief an, die ersten Vorbesprechungen fanden statt, und eines Tages stand sie vor der Pforte zum Kanzleramt, wo sie viele musterten: Die also ist es. Sie hatte das Gefühl, den neugierigen Blicken nicht ganz zu genügen.