Von Dieter Buhl

In diesem Wahlkampf werden im Ruhrgebiet völlig neue Töne angeschlagen. Das kann so weit gehen wie bei einer Großkundgebung der CDU am vergangenen Freitagabend, bei der der bayerische Defiliermarsch das gewohnte "Glück auf, Glück auf" ersetzte, als die Parteimatadore einmarschierten. Aber es kam auch nicht der Steiger, sondern Franz Josef Strauß, um seinen Parteifreunden in der Diaspora an der Ruhr die Angst vor der sozialdemokratischen Übermacht zu nehmen und ihnen mit alttestamentarischem Pathos zuzurufen: "Fürchtet Euch nicht."

Drohen den Christlichen Demokraten zwischen Duisburg und Dortmund geheimnisvolle Gefahren? Müssen sie in dem Landstrich zwischen Recklinghausen und Hagen um Rede- oder Versammlungsfreiheit bangen? Es scheint, daß der CSU-Vorsitzende ein Opfer der eigenen Propaganda von der sozialistischen Unterdrückung geworden ist, daß er die politischen Zustände im Industriegebiet an heimatlicher Elle maß. Aber Bottrop ist nicht Vilshofen, Dortmund-Hörde nicht Rottach-Egern. Im Revier hat noch jeder Politiker offene Ohren finden können – wenn er etwas zu sagen hatte.

Den besten Beweis für diese Aufgeschlossenheit der rheinisch-westfälischen Wähler liefern die Reaktionen auf die Kampagne Kurt Biedenkopfs. Er fürchtet sich wahrlich nicht, sondern hat sich in der Höhle des sozialdemokratischen Löwen längst breitgemacht und die Konkurrenz in Schrecken versetzt. Seinen Angriffen stehen die Sozialdemokraten bislang beinahe sprachlos gegenüber, und sein selbstbewußtes Auftreten in den Erbhöfen der SPD hat den seit langem entmutigten Christdemokraten an der Ruhr neuen Auftrieb gegeben.

Der CDU-Generalsekretär führt die Schlacht um das Revier wie ein großmächtiger Feldherr. Ihm stehen große Reserven aus der Parteikasse zur Verfügung, er kann angreifen, weil die SPD auf ihrem riesigen Stimmenpolster an Ruhr und Emscher schon vor Zeiten eingenickt ist, und weil die politische Großwetterlage Fortune beinahe garantiert. Aber Biedenkopf verläßt sich nicht allein auf das Glück. Sein Wahlkampf verrät die Hand des ehemaligen Managers eines Waschmittelkonzerns, der mit Marketing und Verkaufsstrategie vertraut ist. Eine "Arbeitsgruppe Ruhrgebiet" leistet dem Angreifer seit Jahresbeginn organisatorische und taktische Unterstützung. Mit Hilfe einer "Schwachstellenanalyse" wurden die Territorien ermittelt, auf denen der SPD am ehesten Verluste beigebracht werden könnten.

An einer der schwächsten Stellen kandidiert der ehemalige Rektor der Bochumer Ruhr-Universität selber: Im Wahlkreis 117, Bochum, wo sein bemitleidenswerter Vorgänger gegen den sozialdemokratischen Rektor Karl Liedtke vor vier Jahren ganze 31,2 Prozent der Erststimmen gewann. Schlechter kann ein Christdemokrat auch im Ruhrgebiet kaum abschneiden. Und so bleibt Biedenkopf schon jetzt die beruhigende Gewißheit, daß er am 3. Oktober gewinnen, wenn nicht sogar eine der größten Zuwachsraten aller Unions-Kandidaten im Bundesgebiet erzielen wird.

Aber Biedenkopf kämpft nicht nur für einen Zugewinn auf dem Bochumer Terrain, er will als CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen seine Partei endlich auch wieder aus ihrem Dauertief im Revier hieven. Es ist sein Ziel, den mageren Stimmenanteil der Union von 37,5 Prozent bei der Landtagswahl im letzten Jahr auf 40 Prozent hochzuschrauben. Was dieser Aufschwung seiner Meinung nach für die Entscheidung um die Macht im Bund bedeuten könnte, hat er im vergangenen Herbst beim Aufgalopp zum Wahlkampf verkündet: "Wenn wir im Revier 40 Prozent bekommen, dann haben wir die Bundestagswahl 1976 gewonnen."