Von Hayo Matthiesen

Als wär’s ein Bild aus unseren Tagen: „... auf den Straßen der großen Städte Banden verwahrloster Kinder, die auf den Bazaren zwischen den Buden der Marktfrauen umherirren, in den Eingangshallen großer Gebäude Zuflucht nehmen, auf den Puffern der Eisenbahnwaggons und den Trittbrettern der Straßenbahnen fahren ... und die Stadtbewohner in Angst und Schrecken versetzen.“

Das ist keine Vision aus dem Ausländerviertel einer deutschen Großstadt; das ist auch keine Szene aus den Slums von New York oder den Obdachlosenasylen an der Peripherie von Rom, Buenos Aires, Johannesburg. Diese lumpigen, hungrigen, frierenden Jugendlichen streunten vor fünfzig Jahren durch russische Städte. Verwahrloste Kinder waren im zaristischen Rußland schon ein Problem; durch die Wirren des Ersten Weltkriegs, der Revolution und durch die Mißernten der Jahre 1920/21 wurde es noch wesentlich verschärft. Damals gab es sieben bis neun Millionen Jugendliche in Rußland, die nicht in Familien lebten, sondern – zwischen 1920 und 1935 etwa – durchs Land zogen, sich von Diebstähl, Raub und Mord ernährten oder von öffentlicher Unterstützung lebten.

Um „all diese unglücklichen, vernachlässigten, schmutzigen Kinder, die sich schon ans Rowdytum gewöhnt haben, die sich bereits auf dem Weg ins Verbrechen befinden“, ging es in einem denkwürdigen Gespräch am 3. September 1920 in Poltava in der Ukraine. Der Leiter des dortigen Volksbildungsamtes unterhielt sich dienstlich mit dem Volksschullehrer Anton Makarenko über „diese Landstreicher, diese Jungen, die sich vermehrt haben wie die Fliegen“ – so der Poltaver Bürokrat. Was soll man dagegen tun? Makarenko weiß es auch nicht. Da spricht sein Gegenüber ihn direkt und persönlich an: „Lieber Freund, es kommt darauf an, einen neuen Menschen zu erziehen. Wir brauchen so einen Menschen, eben unseren Menschen! Ans Werk! Es ist eine heilige Sache!“ Und mit diesen Worten beauftragt er Makarenko, ein Erziehungsheim für jugendliche Waisenkinder, Obdachlose und Rechtsverletzer zu gründen.

Arbeitskolonien für Rechtsbrecher

Das war die Geburtsstunde einer neuen Pädagogik, die heute in weiten Teilen der ganzen Welt gilt. Was Makarenko, der damals zweiunddreißig Jahre alt war, bis zu seinem Tod erlebte, aufbaute und beschrieb, wurde zum Fundament der sozialistisch-kommunistischen Kollektiverziehung. Makarenko ist ihr Begründer und ihr bedeutendster Prophet. Seine Werke – Berichte über seine pädagogische Praxis, theoretische Traktate, Erzählungen, Romane – würden in alle wichtigen Sprachen der Welt (insgesamt: 60) übersetzt und sind in weit über zehn Millionen Exemplaren verbreitet. Makarenko wurde zu dem Klassiker der Sowjet-Pädagogik, und er ist einer der wenigen Erzieher unseres Jahrhunderts – so urteilt der Bochumer Erziehungswissenschaftler Oskar Anweiler –, „deren Bedeutung über den engen Raum ihres Vaterlandes hinausweist; vielleicht sind es nur vier: der Amerikaner John Dewey, die Italienerin Maria Montessori, der Deutsche Georg Kerschensteiner und der Ukrainer und Sowjetbürer Anton Semenovič Makarenko“.

Jetzt erscheinen in einem beispielhaften wissenschaftlichen Editionsvorhaben alle Werke Makarenkos neu auf deutsch in einer bisher nicht erreichten Vollständigkeit und Authentizität. Das Makarenko-Referat der Forschungsstelle für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Marburg mit den Wissenschaftlern Leonhard Froese, Götz Hillig, Siegfried Weitz und Irene Wiehl publiziert unter Mithilfe auswärtiger Forscher und Spezialisten diese Marburger Ausgabe –